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Ich war noch niemals im Milford Sound, ich war noch niemals auf Cape Reinga… Oder: Mut zur Lücke

Hier schreibt Alexandra:

Manchmal ernte ich von eingefleischten Neuseeland-Reisenden Kopfschütteln, wenn ich gestehe, dass ich noch nie im Milford Sound von den vielen Wasserfällen (oder dem vielen Regen) naß geworden bin, den Roys Peak nicht erklommen und am Cape Reinga nicht das Aufeinandertreffen der Tasman Sea und des Pazifik bestaunt habe. In Wanaka habe ich den Baum im See nicht fotografiert und auch bei Tane Mahuta, dem berühmten Kauri-Baum war ich nicht. Diese tollen Fotos haben dankenswerterweise Helene Kraus, Annika Weingut und Sabine Gralla zur Verfügung gestellt:

“Aber du warst doch sieben Monate in Neuseeland?” werde ich erstaunt gefragt. Ja, ich habe eine ganze Weile in meinem Traumland verbringen dürfen, aber das heißt noch lange nicht, dass ich dort alle “Hotspots” gesehen habe. Im Gegenteil, wenn ich unsere Reiseroute mit denen vieler NZ-Touristen vergleiche, befällt mich manchmal ein leichtes Gefühl des Mangels: Die Bay of Islands fehlt ebenso wie die Catlins, der Fox Glacier ist nicht dabei und auch nicht Queenstown. Von Auckland kenne ich nur den Flughafen.

Manche Neuseelandreisende belächeln mich ein wenig ob dieses Mangels – der aber für die meisten Kiwis ganz normal ist, die ebenso “wenig” von ihrem Land gesehen haben. Denn seien wir einmal ehrlich: wer kennt schon ganz Europa oder auch nur halb Deutschland mit seinen abwechslungsreichen Landschaften, geschichtsträchtigen Städten und besonderen Sehenswürdigkeiten? Und Hand auf’s Herz: wer belächelt nicht mitunter Touristen aus Übersee, die Europa in 10 Tagen “machen”?

Die meisten Routen, die Neuseeland-Reisende sich “vornehmen” sind in etwa so, als würde man ganz Deutschland in 4 – 6 Wochen bereisen wollen, aber komplett auf Nebenstraßen ohne Autobahn. Man muss sich vorstellen, man würde während dieser Zeit Wanderungen in den Alpen, Wattwanderungen an der Nordsee, Fachwerkhäuser im Schwarzwald, Berlin-Erkundung, Schiffahrt am Bodensee, Weinprobe in Franken, Elbsandsteingebirge, die schöne Rhön, den Limes, Kanufahren auf der Mecklenburger Seenplatte, das interessante Wendland an der Elbe und Rügen einplanen. Man könnte nie an einem Ort etwas verweilen und ein wenig Gespür für die Besonderheiten der jeweiligen Region entwickeln: die bayrische Kultur jenseits von Schweinsbraten würde einem ebenso verborgen bleiben, wie die Kauzigkeit der Sauerländer oder die Sorben mit ihrer eigenen Sprache im Spreewald.

Am Schluss hätte man vermutlichein Sammelsurium aus Eindrücken, was an sich auch eine schöne Sache wäre, aber eben etwas anderes, als “Land und Leute kennen lernen”. Man muss sich nur im Klaren darüber sein, was man gerne möchte.

Wir wollten es eher ruhig angehen lassen, und jeweils ein wenig in die verschiedenen Regionen eintauchen können, so dass wir unsere Route von vornherein so planten, dass wir jeweils den kompletten Norden und Süden ausließen. Wir fühlten uns zugegeben dabei den “normalen” Neuseeland-Touristen ein wenig überlegen – schließlich waren wir ja gefühlte fast-Kiwis – ob des “Luxus” einfach Hotspots von unserer Bucket List zu streichen. Wobei wir für manchen Kiwi sogar fast schon zu viel Programm in unsere Reise packten. Der Vergleich mit Reisen in Deutschland liegt auch hier wieder nahe: welcher Deutsche käme schon auf die Idee, in den Sommerferien von Hamburg über Dresden nach Berchtesgaden und via dem Schwarzwald und die Nordsee wieder zurück zu reisen. Oder das Ganze noch bis Venedig auszudehnen. Natürlich hinkt der Vergleich, denn man kann sich ja jede Ferien eine andere Region aussuchen, die man erkundet, während Neuseeland so weit weg ist, dass man als Europäer auf den nächsten Aufenthalt in der Regel einige Jahre warten muss. Aber der Vergleich gibt vielleicht eine Idee vom Charakter “klassischer” NZ-Reiserouten.

Landkarte by cocoparisienne at pixabay CC0

Natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden, was ihm/ihr wichtig ist auf Reisen – allerdings laufen offenbar gerade die Neuseeland-Reisenden Gefahr, sich allzusehr der Idee der Rundreise hinzugeben, auf der man bestimmte Punkte “abhakt”. In den verschiedenen Foren ist die “richtige” oder “beste” Route eines der Hauptthemen, gefolgt von der Wahl der zuverlässigsten Campervan-Vermietung. Oft sind die zu besprechenden Routen mit Karten von Neuseeland illustriert, auf denen mit Sternchen oder ähnlichem die Stops markiert sind, und die Strecken dazwischen mit Zeitangaben. Ich frage mich dann mitunter, ob es sich vielleicht um leidenschaftliche Campervan-Fahrer handelt, die möglichst viel Zeit in ihrem (teuren) Gefährt verbringen wollen. Aber es scheint ein allgemeingültiges Gesetz des Neuseeland-Toursimus zu sein, dass man im Campervan eine Runde über beide Inseln dreht und dabei die Hotspots abklappert.

Ich möchte laut rufen:

cartography by nadisna at pixabay CC0

Leute, es geht auch anders! Habt Mut zur Lücke!

Wer sagt eigentlich, dass es ein Roadtrip sein muss? Und wer sagt, dass dieser im Campervan durchzuführen ist? Beides sind nur eine Option von vielen: auch in Neuseeland kann man “ganz normal” Urlaub machen, sich ein Ferienhaus in einer schönen Region mieten und von dort aus die Gegend erkunden. Auch in Neuseeland kann man mit dem Auto von Hostel zu Hostel oder (je nach Budget) Motel/B&B/Hotel fahren. Auch in Neuseeland kann man irgendwo nicht gewesen sein.

Flutweg Abel Tasman NP
Die Wege in NZ sind immer länger als die Zeit, die man für sie eingeplant hat…

Da das Wetter bisweilen unberechenbar ist, und Straßen (vor allem die Pässe auf der Südinsel) mehrere Tage gesperrt sein können, zwingt die Realität straffe Routenpläne sowieso mitunter in die Knie. Das haben wir z.B. bei einem Ausflug in den Abel Tasman gemerkt: wir waren mit dem Wassertaxi nach Medlands Bay gefahren, um von dort nach Anchorage zurück zu wandern, wo uns das Boot wieder einsammeln sollte. Wir hatten viel zu wenig Zeit einkalkuliert und wären beinahe von der Flut daran gehindert worden, rechtzeitig zu unserem Wassertaxi zurück zu kommen. Wir packten kurzerhand unsere Badesachen aus und wateten durch die steigende Flut, so dass wir noch rechtzeitig wieder am Strand waren. Eine Gruppe Deutscher reagierte weniger gelassen, als sie ein paar Minuten an einem “Stau” an einer Hängebrücke warten mussten: “Wir müssen uns beeilen, unser Wassertaxi fährt bald, und wir müssen heute noch weiter an die Westcoast!!!”. Sie waren völlig außer Atem und vor allem völlig außer sich – unfreundlich bellten sie sämtliche Wanderer an, sich an der Hängebrücke gefälligst zu beeilen. Wir sahen uns an: klassischer Fall von zuviele Hotspots in zu wenig Zeit! Ein andermal musste ich ebenfalls innerlich schmunzeln, als ich auf dem Campingsplatz in Punakaiki zwei junge Backpackerinnen belauschen konnte: “Jaja, der Lake Wanaka,” sagte die eine zur anderen, “da ist es echt schön! Und da ist dann auch der Mt. Taranaki zu sehen.” – die andere daraufhin: “Ach ja – das ist doch auch so ein Gletscher, oder? Da hab ich so einen Track gemacht, dessen Namen ich aber nicht mehr weiß.” Au weia, dachte ich, vielleicht hätten sie sich lieber etwas Zeit fürs Reisetagebuchschreiben nehmen sollen, um nicht so viel durcheinander zu bringen, und sich an ihre Unternehmungen besser erinnern zu können…

Abgesehen davon: es gibt an unterschiedlichen Orten manchmal ähnliche Dinge zu entdecken: so kann man Glowworms nicht nur in Waitomo sehen, sondern auch in Te Anau oder in Nelson (Geheimtipp: bei Dunkelheit eine Runde durch das Naturschutzgebiet The Brook bis zur Hängebrücke drehen!). Mit Delfinen lässt es sich trefflich nicht nur in Kaikoura, sondern auch in Picton schwimmen, und die Gletscher, die einem am Mt. Cook begegnen stehen denen an der West Coast sicher in nichts nach. Der Regenwald ist eigentlich überall gleich grün und voller Ferntrees, so dass man nicht zwingend mehrere Tage durch den Abel Tasman UND den Milford Track entlang wandern muss, und auch die schönsten Strände mit Felsformationen werden irgendwann eintönig, wenn man zuviele davon sieht.

 

 

Ich fühle mich natürlich noch lange nicht als Einheimische – aber ein bissl anders als eine Touristin dann doch. Mir ist bewußt, dass es ein ungeheueres Privileg ist, wenn man einfach Zeit in einem Herzensland verbringen kann. Aber ganz ehrlich: ein bissl wurmt es mich dann doch, dass ich noch niemals im Milford Sound oder am Cape Reinga war…

So habe ich also noch jede Menge Wünsche offen! Bei meinem nächsten Aufenthalt im schönen Aotearoa möchte mir sowohl den äußersten Norden, wie auch den äußersten Süden ansehen – und von hier nach dort werde ich vermutlich bequem mit einem Inlandsflug gelangen. Zwischendurch einen Stopp in meiner Herzensheimat Nelson einlegen und bis dahin die Vorfreude genießen.

Denn neben dem absolut menschlichen Verlangen nach möglichst viel Abwechslung und “must-sees” steht das ebenso tiefe Bedürfnis nach vertrauten Orten, die einem nach einem weiteren Tag Aufenthalt oder bei einem zweiten Besuch schon fast wie Heimat vorkommen.

nzl-fotos-081
Tahunanui Beach Nelson – ein wenig Heimat wird hier immer sein

 

 

 

 

 

 

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3 thoughts on “Ich war noch niemals im Milford Sound, ich war noch niemals auf Cape Reinga… Oder: Mut zur Lücke

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen ♥️. Ich war jetzt schon 2 x in NZ und bin ohne Plan dirt angekommen und habe mich treiben lassen. Habe wundervolle Momente erlebt, warmherzige Menschen getroffen und beileibe nicht alles gesehen. Aber das macht nichts, dann habe ich immer wieder einen Grund, zurück zu kommen – und ich werde immer wieder kommen.
    Ohne Plan mit offenem Herzen.

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  2. Genau so soll es sein. Ich habe auch in meinen 4 Wochen NZ vieles nicht gesehen, aber das macht nichts! Dafür habe ich super nette Leute kennen gelernt und mit meiner Tochter eine Zeit verbracht, die mit zu der schönsten gehört, die ich erlebt habe! Aotearoa! I will never forget and I will come back, Kia Kaha 🙏

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