Posted in Alltag in Neuseeland

Mit dem “Bat” 1x um die Welt – vom Tischtennisspielen in Neuseeland

(Chr) Tischtennis ist gemessen an der Zahl der  Aktiven nach Fußball, Tennis, Cricket und Basketball weltweit der populärste Sport. Es ist eine aufwandsarme Sportart, die nicht viel “Gedöns” erfordert. Ein paar Quadratmeter Raum und eine Platte mit Netz und Schlägern, das wars. Ich spiele seit 41 Jahren Wettkampftischtennis. Ein Hobby, das in Deutschland heute etwa 550.000 Aktive verbindet. Über die Wettkampfspielerinnen und -spieler wird ziemlich genau Buch geführt. Ich bin derzeit ungefähr auf Platz 55.000 der deutschen Rangliste verortet.

Das Bemerkenswerte an dieser Sportart ist: sie ist weltweit verbreitet. Anders ausgedrückt: Platten stehen (fast) überall. Und: Tischtennis ist ein “lebenslanger Sport”. Er vereint Generationen und Kulturen und sogar Politker auf sehr unaufdringliche Art und Weise. Zu Zeiten des kalten Krieges wurde zwischen den USA und China eine “Ping-Pong-Diplomatie” gepflegt, mit der es gelang, Nationen, die sich spinnefeind gegenüberstanden, zumindest miteinander ins Gespräch zu bringen.

Tischtennisspielerinnen und -spieler sind (fast immer) großherzige Menschen. In diesem Sport herrscht eine Willkommenskultur, die ihresgleichen sucht. 13 Mal bin ich in meinem Leben umgezogen, immer konnte ich über das Tischtennisspielen gute soziale Kontakte knüpfen und neue Freunde finden. Sogar meine erste Arbeitstelle nach dem Studium habe ich (wahrscheinlich) einem Tischtennis-Pokal zu verdanken: Als Vereinsmeister des SC Münster 08 im Jahr 1988 wurde mein Name auf den Pokal eingraviert. Auch der Name meines künftigen Chefs, den ich bis dahin nicht kannte, zierte erstaunlicherweise den Pokal – die Gravur war einige Jahre älter.  Die Gemeinsamkeit griff ich im Bewerbungsgespräch auf, als es um das Thema “Hobbies” ging.  Es ist sicher nicht vermessen zu behaupten, dass die gemeinsame Leidenschaft meine eigentliche Qualifikation als Ethnologe überlagerte.  Die Anwerbung des Arbeitgebers zur Einstellung und die Einladung zum Tischtennisspielen im neuen Verein erfolgten jedenfalls umgehend.

Mein Schläger hat mich, seitdem ich mit 13 Jahren in Balve im westfälischen Sauerland begann zu spielen, durchs Leben begleitet. In chronologischer Folge nach Münster in Westfalen, nach Lund in Schweden, nach Langstadt in Südhessen, nach Detmold und nach München, nach Bichl in Oberbayern und schliesslich wieder nach Südhessen. Derzeit (und schonmal in den Jahren 1988-1990) spiele ich in der 3. Herrenmannschaft des wohl bemerkenswertesten Tischtennis-Vereins in Deutschland, dem TSV Langstadt. Langstadt ist ein Ort ca. 40 km südlich von Frankfurt und hat aktuell etwa 1.600 Einwohner. Fast jede und jeder im Ort hat etwas mit Tischtennis zu tun. Im Seniorenbereich sind 7 Damen- und 6 Herrenteams mit jeweils mindestens 6 Aktiven gemeldet. Die 1. Damenfrauschaft spielt in der 2. Bundesliga. Fast alle Aktiven leben in und um Langstadt, Tischtennis ist hier also der “Megasport”, der einen Gutteil der lokalen Identität prägt. In der 2. Bundesliga hat Langstadt den mit Abstand höchsten Zuschauerschnitt.

Es fiel mit nicht leicht, meinen Teamkollegen anzukündigen, dass ich in der aktuellen Saison nicht zur Verfügung stehen würde – und das wegen eines längeren Auslandsaufenthaltes in Neuseeland. Ich packte meinen Schläger in den Koffer und nahm ihn mit nach Nelson, in unsere zwischenzeitliche Heimat am anderen Ende der Welt. Hier, im Kiwiland, fühlt sich Tischtennis “anders” an als bei uns. Doch der Reihe nach: Neuseeland ist aus internationaler Perspektive ein Tischtennis-Entwicklungsland. In der Weltrangliste der Männer wird es zwischen Platz 55 und 60 geführt (Deutschland ist nach China die Nummer 2). Im Ranking der nationalen Rangliste gibt es ca.  4.000 Aktive, dazu kommen sicher nochmal genauso viele nicht registrierte Vereinsspieler. Es gibt eine Vereinsstruktur und auch Wettkämpfe. Die Wettkämpfe folgen den Schuljahresquartalen, es werden also vier Runden pro Jahr ausgespielt.

 

In dem Bezirk meines Wohnorts (Nelson and Tasman Bay), der etwa 100.000 Einwohner hat und halb so groß ist wie Hessen, gibt es lediglich einen Verein – Nelson Table Tennis Incorporated – mit etwa 100 Spielerinnen und Spielern. An sieben Wettkampftagen wird in 3 Divisionen in 2er-Teams gegeneinander angetreten. Nachdem ich (für mich völlig erstaunlicherweise) im Qualifikationstraining die Nr. 1. des Vereins, Paul Op Den Buysch,  knapp schlagen konnte, wurde ich in die 1. Division an die vorderste Position eingestuft (What a feeling, never had this before….). Die 2er Teams werden für die Wettkampfrunde sehr fair zusammengestellt: der 1. der Rangliste tritt zusammen mit dem Letztgesetzen in einem Team an, der 2. und der Vorletzte bilden das nächste Duo und so weiter. Ich hatte großes Glück, denn mein Partner Ian Wallace und ich sind wirklich auf gleicher Wellenlänge. Wir sind gleichalt, er hat einen englisch-deutschen familären Hintergrund, so dass wir uns am Tisch auf Deutsch unterhalten konnten (big grins). Jedes Team gibt sich einen (nicht so ganz ernst gemeinten) Namen, wir wählten – aufgrund unserer sehr ählichen “Frisuren” –  die Bezeichnung “Hairdressers Hell” (s. Foto oben). In den Wettkämpfen erwarb ich mir schnell den Nickname “German Bat”.

The German Bat

Das liegt daran, dass ich mit einem uralten Holz spiele (für Insider: Barna, 2. Generation), das einem langen und einem kurzen Noppenbelag bezogen ist, die jeweils sehr unterschiedliche Spieleffekte auslösen. Während des Spiels drehe ich den Schläger, was beim Gegner (und manchmal auch bei mir selbst) zu ziemlicher Verwirrung führen kann. Gemeinsam mit Ian gelang es mir, die Wettkampfrunde des Quartals zu gewinnen. Auch in der Einzelwertung konnte ich – obwohl ich diesmal der bisherigen Nr.1 unterlag – die  Poleposition halten. In den anschliessenden Finals mußten Ian und ich uns dann im Halbfinale geschlagen halten.

Das noch mehr Erstaunliche an diesem Verein war dann aber nicht mein bis dato nie dagewesener und ungeahnter Erfolgshöhenflug, sondern die Begegnung mit Lionel Wells. Lionel ist der älteste Spieler des Vereins. Und ich würde jetzt einmal kühn behaupten: er ist der älteste Wettkampf-Tischtennisspieler der Welt. Lionel wird demnächst 97 und es gelingt ihm noch immer, in der 3. Division seine Siege zu erringen, auch gegen 20jährige.

 

Noch mit 78 Jahren hat er den Gesamtwettbewerb der 1. Division gewonnen. Seine nationalen Erfolge sind vielfältig. Es gibt ein Foto aus dem Jahr 1967: dort ist er als Teilnehmer eines Wettkampfs einer Nelson-Auswahl gegen englische Nationalmannschaftsspieler abgelichtet. Und schon damals – vor 50 Jahren – war er der Älteste. Unfassbar oder?
Lionel erzählt mir, dass er seit einiger Zeit Probleme mit dem Gleichgewicht hat und deswegen vor einem Jahr seinen Führerschein abgegeben musste. Das würde ihm aber nichts ausmachen, denn seine Nachbarin führe ihn ja zum Wettkampf, sie sei schliesslich erst 88. Am Ende unsere Unterhaltung fragt er mich, wie alt ich denn eigentlich sei? Ich antworte wahrheitsgemäß “54” – er erwidert lässig “Oh, you’re still a chick”.

Die Bedingungen, Tischtennis zu spielen, sind in Nelson optimal. Es gibt auf dem großen Sportcampus, dem “Saxton Field”, ein riesiges, neu errichtetes Sportgebäude mit mehreren Hallen. Eine Halle ist permanent für den Tischtennissport reserviert. Sogar morgens treffen sich vor allem ältere Aktive zum “Social Tabletennis”, dazu kommem das Frühstück oder der Lunch aus dem vereinseigenen Kiosk. Die Halle ist eine erstklassige Location: es kann an 13 Tischen gespielt werden, und immer gibt es Platz genug für alle. Ein Roboter steht zum Training bereit. Eine große Tribüne lädt zum Zuschauen und zum geselligen Beisammensein ein. Für alle, die es ein wenig bequemer wollen, gibt es dort Couchgarnituren zum Entspannen – kiwi-like eben.

Und was war nicht ganz so toll?
In Nelson fehlte mir ein wenig die Einkehr nach dem Sport. Das ist in Kiwiland traditionell nicht üblich, denn nach 22 Uhr abends geht hier eigentlich nichts mehr. Was die nachsportliche Gemütlichkeit betrifft, ist das hessische Langstadt ohnehin kaum zu übertreffen: dort gibt es bei Toni und Theresa im “Stern” selbst nach langen Wettkämpfen auch nachts um 1 noch Pizza, und zwar die allerbeste, und zwar seit mehr als 30 Jahren. Ihre rustikale Location ist zum Mekka der Tischtennisspieler der Region geworden, zumindest um Mitternacht herum. Und auch im unbedingt empehlenswerten Langstädter Landgasthof “Zur Bretzel”, gibt es erfrischende Biere, einen Sauergespritzten und – wenns arg kommt  – auch einmal einen “Otzberg“. Vielleicht ergibt sich in Zukunft ja mal eine Tischtennispartnerschaft zwischen Nelson und Langstadt. Wäre ziemlich aufwändig, aber für beide Seiten der Welt sicher eine eindrückliche Erfahrung.

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