Posted in Alltag in Neuseeland, Essen und Trinken, Natur, Schule am anderen Ende der Welt, Uncategorized

Und irgendwann bleib i dann dort…

…lass’ alles lieg’n und steh’n / Geh’ von daheim fuer immer fort / Darauf gib’ I dir mei Wort / Wieviel Jahr’ a noch vergeh’n / Irgendwann bleib i dann dort

So sang die österreichische Band STS in den 1980er Jahren herzergreifend, und es schwang diese besondere Sehnsucht mit, die mich seit ich das Lied zum ersten Mal hörte immer wieder befiel, obwohl ich doch niemals nicht von meiner oberbayrischen Heimat Oberbayern, von meinem Alpenrand fort wollen möchte. Zumindest nicht für immer! (Randbemerkung: ich bin eigentlich gar keine “echte” Bayerin: meine Eltern sind beide nicht vom Alpenrand, meine Mutter ist mit österreich-ungarischen Vorfahren in Tschechien geboren, mein Vater ist aus dem Odenwald, wobei seine Wurzeln u.a. ins Elsass reichen…).

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“Mein” Alpenrand…

Dennoch – ein klein wenig warf mein beständiges Fernweh auch immer die Frage mit auf: Warum nicht? Warum nicht woanders leben? Warum nicht ein ganz anderes Leben führen, an einem ganz anderen Ort, Far Away, wie die US-Sängerin Ingrid Michaelson im gleichnamigen Lied es sich vorstellt –

To a new life on a new shore line / Where the water is blue and the people are new / To another island / In another life

Und nun also ein halbes Jahr nicht mehr reisen, sondern schon wohnen. In Neuseeland. Und die daran logisch anschließende Frage: auch hier leben? Für immer?

An einem meiner letzten Abende hier in diesem besonderen Land, das zu meiner zweiten Herzensheimat wurde, sitze ich mit sieben anderen Müttern um die Reste eines Lagerfeuers. Wir sind auf das Schulcamp mitgefahren, um den zwei Lehrern dabei zu helfen 64 Kinder zu bändigen. Nun trinken wir einen Wein auf den letzten Abend nach erfolgreichen vier Tagen, und beginnen unter dem großartigen Sternenhimmel in Marahau im Abel Tasman Nationalpark direkt am Strand zu philosophieren. Wir haben uns in den letzten Tagen besser kennen gelernt, und wissen um die Geschichten der anderen. Von den sieben sind vier nicht in Neuseeland geboren, und auch Lehrer Zac plagt bisweilen das Heimweh nach England…

Es gibt abgesehen von den Maori so gut wie keine Kiwis, deren Stammbaum in diesem Land mehr als drei, vier, maximal sechs Generationen zurück reicht. Alle haben also irgendwie eine Auswanderergeschichte, einen “Migrationshintergrund”, wie es im Beamtendeutsch hieße. Hier ist der Migrationshintergrund die Norm. Auch unter den Kindern sind nicht wenige, die zwei Sprachen sprechen, ungewöhnliche Namen haben und “anders” aussehen: Fidji, Frankreich, China, Deutschland – alles ist bunt gemischt und teilweise reichen die “Mischgeschichten” sogar in die Groß- und Urgroßelterngeneration zurück: so musste sich eine der Mütter am Lagerfeuer entscheiden, welche ihrer “Elternsprachen” sie mit ihren Kiwi-Kindern als Zweitsprache spricht: sie selbst ist als Tochter einer Französin und eines Deutschen in Frankreich geboren, dort und in Deutschland aufgewachsen, und nun mit einem Kiwi verheiratet. Die Kinder einer Französin wiederum haben einen Kiwi-Vater, aber keine Kiwi-, sondern “gemischte” Großeltern. Wir Mütter mit diesen ganz unterschiedlichen Wurzeln, die hier so einträchtig am Lagerfeuer Wein trinken, erzählen von unseren “Herkunftsländern”, von dem, was für uns Heimat ausmacht, und was uns hierher, auf diese zwei Inseln mitten im Südpazifik weit weg von unserer ursprünglichen Herkunft geführt hat, und fragen uns, ob es so etwas überhaupt gibt. Und was wir als Heimat unserer Kinder sehen, bzw. ob und wie wir ihnen überhaupt “Heimat” schaffen können.

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Sunset over Marahau Outdoor Education Camp
Die Stimmung ist andächtig, und ich weiß, dass nach dem Camp meine letzte Woche unserer New Zealand Experience anbricht. Die anderen merken meine Wehmut und stellen die Frage der Fragen: kommst du wieder? Und kommst du dann für immer? Diese Frage ist quasi der Klassiker, und sie wird uns seit wir sind/wohnen/leben mit einer entwaffnenden Selbstverständlichkeit gestellt – schließlich haben die meisten Fragenden sie für sich selbst beantworten müssen. Fast alle unsere Bekannten hier haben spannende Geschichten von Weggehen und Ankommen zu erzählen, etwa so wie ein lieber Kiwi-Freund, der mit einer deutschen Mutter und einem englischen Vater zuerst in Simbabwe groß geworden ist (als einziges weißer Junge neben drei norwegischen Mädchen), dann in Norwegen, eine Weile in Deutschland und England lebte und dessen Eltern sich schließlich endgültig in Neuseeland niederliessen. Da war er zehn. Oder unser Vermieterfreund, der im Sauerland groß wurde, und mittlerweile der einzige “echte” Kiwi mit neuseeländischem Pass in seiner Familie ist: seine Frau, die mit neun Jahren mit ihrer Familie immigrierte, hat noch ihren englischen Pass, und sein Sohn, da in Deutschland kurz vor seiner Auswanderung geboren, einen deutschen. Dabei sind die meisten der Auswanderergeschichten keineswegs wie in den entsprechenden Aufreger-Sendungen im Fernsehen, in denen unbedarfte Leute ihre Sachen packen und Goodbye Deutschland sagen (wie es richtig geht, zeigen übrigens viele Blogs und Websites, wie etwa Kiwifinch). Viele haben ähnlich wie wir nur eine Auszeit hier machen wollen, und sind nach reiflicher Überlegung hierher zurück gekommen. Oder sie haben ein gutes Jobangebot gehabt, wollten sich sowieso nicht so sehr auf eine bestimmte Heimat festlegen, fühlen sich nicht etwa als Französin, sondern als Weltenbürgerin, oder sind schlicht und ergreifend der Liebe wegen nach Neuseeland gekommen.

Noch nicht einmal die Maori sind “Ureinwohner”, auch sie waren Reisende, die über den Pazifik hierher gelangt sind, vor rund 1.000 Jahren – und es gehört zu ihrer Kultur, bei Begrüßungen auch stets das Waka, das Kanu zu nennen, mit dem die Vorfahren hier ankamen.

Jeder, wirklich jeder hier, kann also Einwanderer-Geschichten erzählen oder kennt zumindest Leute, die derartige Geschichten auf Lager haben. Und nicht selten fragen die, die selbst erst sei kurzem hier leben am eindringlichsten: und ihr? Wie sieht es aus?

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Mapua Wharf – one of my fav spots
Ja, wie sieht es aus… Natürlich überlegt man, wenn man sich an die Leichtigkeit des Seins hier gewöhnt hat, die natürlich auch ihre Schattenseiten hat. Wie überall auf der Welt gibt es auch hier Dinge, die uns aufstoßen, über die wir den Kopf schütteln, oder die wir nicht verstehen. Wir sind nach einem halben Jahr längst nicht mehr so naiv zu glauben, dass alles hier nur eitel Sonnenschein sei.Wir wissen um die nicht gerade umweltbewußte Begeisterung der Farmer für das Sprühen von Pestiziden, um die Kinderarmut und das nicht geringe Alkoholproblem. Wir haben gelernt, dass die “Integration” von Maori und Pakeha bei Weitem nicht nur ein Paradebeispiel für gelungendes Miteinander ist, und wir wissen, dass der rasant steigende Tourismus dem Land derzeit Kopfzerbrechen bereitet. Wir haben am eigenen Leib erfahren was es heißt, auf dem “Ring of Fire” zu leben, der jederzeit die Erde zum Beben und damit Tod und Zerstörung bringen kann. Dass nicht alles über-reglementiert ist, hat die Schattenseite, dass z.B. Versicherungsverträge nur ungenau formuliert sind, und deshalb Christchurch deshalb schon seit Jahren auf den Wiederaufbau wartet. Vieles ist improvisiert und unbeständig.

Und trotzdem – oder genau deshalb: das Lebensgefühl ist ein anderes, eines, das zu mir passt. Ich versuche, Gründe dafür zu finden:

  1. Das Unkomplizierte

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Mud Run at School Camp
Ich liebe unkomplizierte Dinge, und ich mag es, wenn Menschen einfach etwas unternehmen, ohne sich vor möglichen Risiken oder Fehlern zu fürchten. Klar führt diese Haltung manchmal zu Situationen, in denen man denkt: Mist, das hätte ich kommen sehen können – andererseits führt sie noch öfter dazu, dass Dinge/Unternehmungen nicht nur geplant, sondern auch umgesetzt werden. Klappt hier ganz gut, wenn man etwa das Schulcamp (oder überhaupt Schule) als Beispiel nimmt: in Deutschland vermutlich so nicht möglich, denn was da alles passieren könnte! Ist es aber glücklicherweise nicht, und die Kinder hatten ihren Spaß und manch eines ist sogar über sich selbst hinaus gewachsen beim Kajakfahren, Wandern, Klettern, Schlammbaden…

2. Die Hospitality

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Marine Parade Eateriy Paraparaumu

An anderer Stelle haben wir ja schon darüber gebloggt: Wir waren in vielen Cafés, haben Snacks an Food Karts gekauft und haben uns ab und an auch einen Restaurantbesuch gegönnt – und sind nur ein einziges Mal enttäuscht worden, als wirklich ALLES auf unseren Tellern fritiert war! Ansonsten waren wir jedesmal wieder beeindruckt vom Service und begeistert von der Phantasie und der Qualität der Speisen. Aus Oberbayern kommend ist man solch einen Luxus wie freundliche Bedienungen, eine phantasievolle Speisekarte oder frei zur Verfügung stehendes Wasser nicht gewohnt. Und immer diese Farben…

3. Die Farben

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Public toilett at Kaiteriteri Beach

Neuseeland ist ein buntes Land. Nicht unbedingt was die Landschaft anbelangt, die vornehmlich satte Grün- und Goldtöne zu bieten hat, umrandet vom Türkis des Ozeans. Naja, und mit vielen buten Tupfern von allen möglichen Blüten, die es hier sogar im Winter gigt. Die Kiwis mögen es einfach bunt bemalt und farbenfroh: Häuser, öffentliche Toiletten, Speisen und Getränke, Einrichtung, Autos… ein prachtvolles Farbenmeer.

4. Die Landschaft

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Landscape at Wharariki Beach

Ich bin ein Naturmensch, ich liebe Natur, das Draußensein, barfußlaufen, glitzerndes Wasser (oder Schnee…), grüne Bäume, hohe Berge – ich bin da wie Heidi, die aus ihrer schweizer Almidylle nicht nach Frankfurt in die große Stadt übersiedeln kann, denn ich brauche einfach Natur um mich herum. Hier in großen Mengen vorhanden, mit einer unfassbar schönen Vegetation: Ferntrees, Farnbäume…

5. Die Menschen

Es mag ein wenig platt und abgedroschen klingen, wenn man ein Land wegen seiner Menschen rühmt – aber was außer Landschaft macht ein Land aus, wenn nicht seine Bewohner! Mir ist natürlich sehr wohl bewußt, dass ich der Versuchung der Verallgemeinerung wiederstehen sollte – aber die Menge an schönen Begegnungen, erfreulichen Bekanntschaften und rührenden zwischenmenschlichen Begebenheiten ist einfach extrem groß gewesen im letzten halben Jahr. Mit Fremden wohlgemerkt! Einige davon sind Freunde geworden, die ich vermissen werde. Gespräche, Unternehmungen, gemeinsame Interessen – das macht es letztlich auch eine innere Heimat aus, die stets aus der Interaktion mit anderen heraus entsteht.

Und genau deshalb freue ich mich auch wieder auf meine “Dahoam”-Heimat am oberbayrischen Alpenrand, denn dort sind Menschen, die mich vermissen, und die ich vermisse. Und hier werden Menschen zurück bleiben, die mich vermissen, und die ich vermisse. Also wird ein Stück Heimat für mich auch immer in Neuseeland sein – und wer weiß, wie oft und für welche Zeiträume ich wiederkommen werde, denn die andere Seite der Welt ist ja nicht AUS der Welt, sondern nur auf der anderen Seite!

I’ll be back…

lucy-und-mama-vor-bilbos-tur
Happy Hobbits in front of their Home
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2 thoughts on “Und irgendwann bleib i dann dort…

  1. Xandi
    Wie wahr …und schön deine Beschreibungen sind. Heimat ist dort wo man”angekommen” ist.
    Auch ich kehre immer gerne in meine “kleine Schweiz ” zurück!
    Am 18.4. geht’s ab nach Singapur ( Krinya und Dominik besuchen) dann erkunden wir MYANMAR , sind Mitte Mai zurück.
    Euch wünsche ich nun gute Heimkehr an den ALPENRAND…. Lilo😘

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