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Preloved and re-used things – das zweite, dritte und vierte Leben der Kiwi-Dinge

(Hier schreibt Alexandra)
Fast alle Waren, die in Neuseeland zum Kauf angeboten werden, haben einen unfassbar weiten Weg über diverse Weltmeere hinter sich – mal abgesehen von den Dingen aus heimischer Produktion. Das ist in der globalisierten Welt eigentlich nichts besonderes, aber auf den neuseeländischen Inseln im entfernten Südpazifik, weit weg vom nächsten Festland, wird einem dieser Umstand besonders deutlich. Und vielleicht ist die Entfernung zu den Dingen ein Grund dafür, warum viele Kiwis ihre Dinge besonders schätzen, sie mit Hingabe reparieren, recyclen, wiederverwerten.

Die Dichte an einladenden Vintage- und Second-Hand-Läden ist beachtlich. Und wenn ich gewußt hätte, welch attraktive gebrauchte Warenwelt mich hier erwartet, hätte ich kaum ein  Kleidungsstück aus Deutschland mitgebracht, sondern mich komplett hier eingekleidet und so den Stücken ein neues zweiten, drittes oder viertes Leben ermöglicht.

Das zweite Leben der Dinge spielt hier ein große Rolle, und so ist es nicht verwunderlich, dass in den Städten fast ebensoviele Vintage-Läden zu finden sind, wie Geschäfte mit ungebrauchten Waren. Ladenketten, wie sie die meisten europäischen Städte dominieren, z.B. H&M, Zara und Co., gibt es in Neuseeland (noch) nicht, und auch IKEA scheitert immer wieder bei dem Versuch, eine Filiale in Neuseeland zu eröffnen. Dafür betreiben viele gemeinnützige Orgnisationen wie die Heilsarmee, der Hospizverein, die Kirchen und andere caritative Einrichtungen wundervolle Läden, in denen man die tollsten Dinge findet. Geschmackvoll und mit Stil geht es dabei meist zu. Eines unserer Lieblings-Ding-Universen ist der Family Store der Salvation Army in Nelson, in dem es – neben nach Farben sortierter Second Hand-Kleidung, neben Geschirr und Einrichtungsgegenständen, neben Golfschlägern und Matratzen aller Größen, neben einem wundervollen Schmuck- und Schallplattenfundus – auch ein Café gibt. Natürlich mit Vintage-Geschirr und recycelten Sesseln.

Der Family Store ist somit nicht nur ein Geschäft, sondern auch ein beliebter Treffpunkt für Einwanderer, die ihre Erstaustattung zusammenstellen, für Alteingesessene, die Dinge abgeben, für ehrenamtlich helfende Frauen, die mit großem Engagement zwischen den Waren walten. Family Stores gibt es praktisch in jeder etwas größeren neuseeländischen Ortschaft, und sie alle haben eine magische Anziehungskraft auf uns ausgeübt.

Viele Waren sind in Neuseeland made in China und abgesehen davon recht teuer. So wundert es uns auch nicht, dass die Kiwis einen Hang zum re-usen haben, zum Wiederverwerten, Upcyceln und Reparieren. Besonders klar wird uns das an einem klaren Herbsttag, als das College unserer Teenager zum “Trash and Treasures”-Basar einlädt und gleichzeitig das in Nelson legendäre Trolley-Derby (Seifenkistenrennen) stattfindet: die Dinge, die es beim einen zu kaufen gab, wurden offenbar direkt für das andere verwendet…

Trash and Treasure

Der Trash and Treasure Basar sieht auf den ersten Blick genauso aus, wie der Kindersachenbasar unserer heimischen Grundschule in Bayern: als wir in der Früh die von unserer Tochter gebackenen Für-den-guten Zweck-Muffins abgeben, hat sich bereits eine lange Schlange gebildet. Und das eine halbe Stunde vor Toröffnung. Soweit, so bekannt. Wie anders ist dann aber der Eindruck, als wir einige Zeit später selbst ein wenig stöbern: anstatt der in Bayern üblichen Stände mit Kinderkleidung, nach Größen sortiert, erwarten uns hier komplette Couchgarnituren, Uralt-Computer, Rasenmäher, Baumaterialien aller Art, Badewannen, diverse Kleingeräte und viele Dinge, deren Sinn und Zweck uns verborgen bleibt. Dazu brüllt ein Auktionator die gebotenen Preise durch ein Mikro. Am Empfangstresen weist ein Schild “Eftpos” (Kartenzahlung) auf die Möglichkeit hin, unbar zu zahlen – die umgesetzten Beträge sind nicht selten dreistellig und selbstredend für einen guten Zweck vorgesehen.

Wir treffen Zac, einen Lehrer aus der Grundschule, der vor einigen Jahren aus England hierher eingewandert ist und der unser Erstaunen bemerkt: “Mir ging es am Anfang ja auch so – völliger Wahnsinn, was hier verkauft wird! In England würde dieser ganze Kram ohne mit der Wimper zu zucken weggeschmissen. Aber die Kiwis denken immer, man kann dies oder das sicher noch für irgend etwas gebrauchen, sie weigern sich einfach, Dinge wegzuschmeissen”.

Welcome to Refuse Station Nelson

Das wird uns noch deutlicher, als in unserem Haus eine Türklinke abbricht, und wir uns auf den Weg zur kommunalen “Refuse Station”, einer Art Wertstoffhof, machen. Eine riesige Halle mit fein säuberlich sortieren Kisten und Schachteln voll mit Schrauben, Beschlägen, Drähten, Bauteilen, aber auch Kleidung, Spielzeug, echten Antiquitäten und und und… In einem Karton finden wir auch Tüklinken und Türklinkenteile aller Art, und schaffen es tatsächlich, unseren Griff, der etwa aus den 1960er Jahren stammt, wieder zusammenzusetzen und die Mechanik darin zu reparieren! So sind wir nicht nur günstig weggekommen, sondern empfinden auch noch einen gewissen “Reuser-Stolz”.

Dass Kiwis mit ihrem “Wire No 8” alles selbst reparieren, gehört zur Kiwiana, zu den Legenden, die sich um Kiwi-Produkte ranken. Selber machen ist hier genauso Kult, wie aus Altem Neues zu schaffen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Upcycling-Bewegung hier einen festen Platz hat, und man beispielsweise in Nelson auf dem schönen Twighlight-Market im Isle Park neben dem zu besichtigen “Historic House” auch Stände mit Kunst aus alten Büchern, Taschen aus ehemaligen Handtüchern oder die sogenannten Boomerang Bags findet. Die Boomerang Bags sind eine Idee aus Australien, bei der es darum geht, dass Supermärkte von Kunden genähte Taschen aus abgelegter Kleidung anstelle von Plastiktüten ausgeben, allerdings nur leihweise. Die Taschen sollen zurückkommen und so im Umlauf bleiben. Im Community Center in Tahunanui finden dafür regelmäßig Nähtreffen statt.

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Die Beziehung zwischen Menschen und Dingen scheint uns hier auf den Inseln inmitten der Weiten des Pazifiks ein Stück weit eine andere zu sein als in good old Europe. Derweil in Europa viele Menschen und viele Dinge auf vergleichsweise engem Raum zusammenleben, trifft für Neuseeland eher das Gegenteil zu: es gibt viel Raum, dafür wenige Menschen und relativ wenige Dinge. Noch dazu wenig alte Dinge, so dass man fast andächtig allem huldigt, das älter als ein Menschenleben ist. Das Dinguniversum ist in Neuseeland ja noch jung: es gibt wenige von Menschen gemachte Gegenstände, die älter als 150 bis 200 Jahre sind. Einzig die Kunst und die Alltgsgegenstände der Maori können eine längere Geschchte aufweisen, knapp 1.000 Jahre – ältere Dinge gibt es nicht. Die ersten Siedler haben Mitte des 19. Jahrhunderts zwar ihr Mobiliar mitgebracht, aber sie besorgten sich vor der Überfahrt meist neue und praktische Möbel, um damit ihre ersten Häuser zu bestücken. Es gibt in Neuseeland an vielen Orten historische Gebäude zu besichtigen, zumeist respektvoll betreut von “Volunteers”. Die ehrenamtlichen Helfer entschuldigen sich dann bisweilen für die “Jugend” ihrer Schmuckstücke, wenn sie feststellen, dass die Besucher aus Europa kommen: “Ihr habt natürlich viel ältere Gebäude, echte Schlösser und alte Schätze…”. Vielleicht kommt daher das Bedürfnis, Dinge zu behalten, umzunutzen, zu reparieren und zu recyclen: das Fehlen von tatsächlich “Altem” animiert dazu, den Sachen ein möglichst langes Leben schenken zu wollen. In Europa hat sich hingegen so viel Altes angehäuft, dass man leichter geneigt ist, etwas wegzuwerfen.

Angeblich rund 10.000 Dinge beherbergt ein durchschnittlicher europäischer Haushalt, davon ein Großteil Textilien. Wobei sich die Frage stellt, ob bei dieser Statistik jeder einzelne Legostein gezählt wird, oder ob “Lego” als ein einzelnes Ding zählt – in unserem Haushalt in Deutschland wären wir ansonsten schon bei der Bezifferung der Legosteine vermutlich bei weit über 10.000…

Mein Resumee ist: ich muss daheim ausmisten und nichts Neues mehr kaufen! Lieber tauschen, weitergeben, umnutzen. Das nehme ich mir vor – und wir nehmen auch nicht alles wieder mit, sondern bringen vor unserer Abreise selbst ein großes Paket mit Kleidern, Büchern und ein paar Spielsachen zum Family Store: preloved and to be reused!

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3 thoughts on “Preloved and re-used things – das zweite, dritte und vierte Leben der Kiwi-Dinge

  1. Xandi
    Sehr interessanter Bericht! Ich denke auch, dass wir viel mehr recyclen könnten! Auch ich liebe Secondhand/Brocken – Häuser, Flohmärkte.
    Wünsche Euch gutes Auf und Wegräumem und

    frohe letzte Tage in NZ….

    Bis bald…..Gruss aus der Sonne( in Gockhausen) … Lilo💝

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    1. Sehr gelungener. Beitrag-gratuliere.Erinnere mich gerne an den Besuch im family store.Meine Trophäe:eine Kappe für 3 Dollar!
      Ki aora
      Dein Papa

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