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Warum ich ein Tattoo wollte

Hier schreibt Alexandra:

I did it! Ein schwarzes Farnblatt mit Koru-Spiralen, einem Maori-Symbol für Entwicklung bei gleichzeitiger Besinnung auf den Ursprung, ziert seit kurzem mein rechtes Handgelenk – und wird für den Rest meines Lebens meine Verbundenheit mit Neuseeland ausdrücken.

Tatoo
Ferntree-Leaf and Koru

Ich habe mir ein Tatoo stechen lassen, und gehöre damit zumindest in Neuseeland zu gut einem Viertel aller Frauen über 18, deren Haut ein solches ziert. Unter Eltern sind es lt. Statistik sogar fast die Hälfte, was meine Feldstudie in der Grundschule nur bestätigt: Ohne Tattoo hatte ich mich sogar eher in der Minderheit gewähnt, denn auf den ersten Blick entdecke ich  praktisch bei so gut wie allen Müttern und Vätern, die ihre Kinder zur Schule bringen oder sie abholen schwarze Linie, bunte Blumen oder traditionelle Ornamente an den verschiedensten Körperstellen. Tätowiert zu sein ist unter Kiwis völlig normal, mein neues Tattoo stößt auf keinerlei Erstaunen, sondern lediglich auf Lob für Aussehen und Machart, und auf das Interesse, wo ich es habe stechen lassen. Bei Pete, antworte ich dann, der in Wok’s Tattoo-Studio mitten in Nelson arbeitet.

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Wok’s Tattoo Studio, Nelson

Pete wurde mir unabhängig voneinander von einigen meiner Kiwi-Bekannten empfohlen (Dank vor allem an Barbelle für die Ermutigung!), und ich kann die Empfehlung absolut weitergeben: ein feingliedriger Mann mit Künstlerhänden und schönen Augen, der sich in einem Vorgespräch meine Ideen anhört, dabei eine Skizze entwirft und beim nächsten Termin sehr genau auszirkelt, wo die beste Stelle dafür ist. Ich will es am Handgelenk, denn das ist meine Schwachstelle. Ich bin Linkshänderin, aber seit einer Karpaltunnel-OP ist rechts meine “gute” Hand, wenn auch etwas steif und kraftlos… An welche Seite also? Pete dirigiert: “Stell dich ganz entspannt gerade hin!” Er mustert mich von oben bis unten und entscheidet dann: “On the right side – for your balance.” Er vermisst meinen Arm und mein Handgelenk, zeichnet die Umrisse des Tattoos an, lässt mich verschiedene Bewegungen ausführen und nickt schließlich: genau hier muss es hin!

Ein wenig nervös bin ich dann doch, als er sich Handschuhe überstreift, und Tinte und Tätowierpistolen herrichtet. Aber er lächelt mich aufmunternd an: “First one is always a special one!” Und dann geht es auch schon los. Im Hintergrund läuft guter alter Grunge-Sound, die Wände sind bunt bemalt und mit Skizzen von Pete übersät, außerdem tupft er immer wieder vorsichtig mit einem kühlen Tuch mein Handgelenk ab – alles in allem eher meditativ und inspirierend, als wirklich schmerzhaft. Seine Konzentration geht auf mich über und ich beginne zu verstehen, dass der Kunst des Tätowierens etwas sehr Rituelles anhaftet.

TattooDas ist auch mit ein Grund, warum ich mir in Neuseeland ein Tattoo stechen lassen wollte. Schließlich hat die Kunst des Tätowierens hier eine lange Tradition: sie kam mit den Maori vor etwa 1.000 Jahren aus Polynesien hierher, und seit die Maori-Kultur in den 1970/80er Jahren einen ernormen Aufschwung erfahren hat, wird es auch unter Pakeha (Weißen) immer selbstverständlicher, tätowiert zu sein – wenn auch nicht im Gesicht, wie es bei den Maori traditionell üblich ist.

War es bis weit nach dem zweiten Weltkried noch eher verpönt, sich als echter Maori (übrigens ausgeprochen wie “Mauri”) zu geben, Te Reo zu sprechen und eben ein Ta Moko (traditionelles Maori-Tattoo) zur Schau zu tragen, hat sich eine absolute Kehrtwende vollzogen. So entschließen sich heute sogar mehr und mehr junge Maori-Frauen zu einer für westliche Augen eher ungewöhnlichen, aber sehr traditionellen und heiligen Form des Ta Moko: sie tragen selbstbewußt rituelle Kinn-Tattoos, die über ihre Abstammung, ihre Kinder und ihr Leben erzählen.

Zwar gibt es auch im toleranten Neuseeland einige unrühmliche Kapitel im Umgang mit der “Urbevölkerung” – was die Maori streng genommen nicht sind, da sie selbst als Siedler erst vor etwa 1.000 Jahren auf den beiden Inseln ankamen, die somit zu den am spätesten besiedelten Regionen der Welt gehören – aber die Maori wurden nie in einem Maße unterdrückt wie etwa indigene Bevölkerungsgruppen auf dem amerikanischen Kontinent. Die Maori-Kultur entwickelte sich so beständig weiter, und starb niemals ganz aus. Te Reo Maori ist offizielle Landessprache, sie wird an den Schulen unterrichtet, es gibt eigene TV-Sender und Tageszeitungen, die meisten Ortsnamen sind maorisch und viele Begriffe finden sich ganz selbstverständlich im Alltagsleben wieder, wie etwa “Tane” und “Wahine” für Mann und Frau auf Toiletten, der Willkommensgruß “Kia Ora” oder “Hare Mae” oder die Bezeichnung “Whanau” für Familie/Verwandtschaft z.B. in den Anschreiben der Schulen.

Auch was ein “Ta Moko” ist, weiß hier eigentlich jeder – und auch, dass man ein solches als Pakeha (Weißer) so gut wie nicht bekommt, da es viel mehr als reiner Schmuck ist. Ein solches “echtes” Maori-Tattoo zeigt quasi den gesamten Stammbaum, würdigt die Vorfahren und erzählt von den Taten der Person, die es trägt. So ist es nicht verwunderlich, dass ein Ta Moko oft erst in einer reiferen Lebensphase in die Haut gemeißelt wird, und daran auch immer wieder weitergearbeitet wird. Als Pakeha ein Ta Moko von einem Maori-Tätowierer zu erhalten ist eine echte Auszeichnung und braucht Geduld: eine deutschstämmige Kiwi-Bekannte etwa verbrachte drei Stunden über ihr Leben erzählend beim Tätowierer, bis er eine erste Skizze erarbeitet hatte. Sie erhielt das Moko für ihr 30-jähriges Auswandererjubiläum.

Tattoo-SteveeNZGruppe
Steve’s Rücken – noch in Arbeit…

Viele Neuseeland-Reisende und -Fans bringen wie ich Tattoos als dauerhaftes Andenken an ihr Traumland mit, und ich bitte neugiereig die Mitglieder eines Neuseeland-Forums auf Facebook, über ihre Tatoos zu erzählen: einige berichten, dass sie immer wieder an ihren Tattoos mit “ihren” Tätowierern weiterarbeiten würden, wie etwa Steve, der jedes Mal, wenn er nach Neuseeland dem Ganzkörperkunstwerk ein Stück näher kommt: über Rücken und Oberkörper hinunter zu den Waden, an denen er mittlerweile angelangt ist.

Oder Corinna, die schon öfter im Tattoo-Studio ihres Vertrauens war, das wunderschöne Entwürfe für sie macht.

Das letzte Mal hat sie sich ein Tattoo hinter dem Ohr hat stechen lassen:

TattooCorinna

“Meine Mama hatte 2016 eine Gehirnblutung, ist seitdem pflegebedürftig. Die Blutung war rechts, links hat sie seither Defizite. Deshalb war mir klar: Tattoo auf linker Kopfseite mit den Symbolen für mich für Kraft, positive Zukunft und Mut.”

Auch für Rebekka ist ihr Tattoo von symbolischer Bedeutung:

TattooRebekkaHabe meinen Ellebogen im Februar in Rotorua verschönern lassen. Ein Zeichen dafür, dass ich den Alltag in Deutschland nicht überhand nehmen lassen will und natürlich eine Erinnerung an das Paradies auf Erden.”

 

Wer sich in Neuseeland (oder wegen Neuseeland) tätowieren lässt, hat eine im wahrsten Sinne des Wortes tiefgehene Verbundenheit mit diesem besonderen Land, seinen Leuten und seiner Kultur mitten im Südpazifik.

In Deutschland werden Tattoos oft noch leicht argwöhnisch beäugt, auch wenn mittlerweile knapp 10% der Deutschen über 18 Jahren eines oder meist mehrere trägt, davon etwas mehr Frauen. Die Ablehnung ist dennoch deutlich: in einer Umfrage gaben weit mehr als die Hälfte der Befragten an, sie stünden Tattoos gegenüber ablehnend bis sehr ablehnend gegenüber. Vielleicht, weil Tätowierungen in Europa lange Zeit eher im Seefahrer- und Knastmillieu zu Hause waren?

17270114_1468017249888621_1230290196_nAuch auf mein Tattoo bekomme ich nicht nur positive Reaktionen aus der Heimat, einige kommentieren meinen Entschluss mit Worten wie “krass” oder einem leicht entsetzten “du hast es also echt getan”. Anderseits finden meine Eltern (ich glaube nach etwas Schlucken), dass es mir steht. Auch die Kinder finden es eher cool, und insgesamt überwiegen die positive Rückmeldung, dass es sehr gut zu mir passt. Das finde ich allerdings auch, und freue mich immer wieder darüber, wenn ich es bei verschiedenen Bewegungen an meinem Handgelenk aufblitzen sehe.

Das nächste Mal, wenn ich in Aotearoa, dem Land der langen weißen Wolke bin, möchte ich gerne wieder eines bekommen 🙂

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