Posted in Alltag in Neuseeland, Schule am anderen Ende der Welt

How to learn English in two month

Hier schreibt Alexandra:

“Yes, I can swimming” – “That’s great, love!”

Moment mal: warum sagt Lesley, die ESOL-Lehrerin (English for Speakers of other languages) der Grundschule, es sei großartig, wenn unser Sohn einen Fehler macht? Wir sind im Schwimmbad, wohin Lesley die ganze Gruppe nicht-englischsprachiger Schüler mit ihren Eltern eingeladen hat. Hauptsächlich – wie in Deutschland auch – sind Mamas dabei, außer mir noch einige Südseeinsulanerinnen, die Tupperdosen mit Süßigkeiten herumreichen. Lesley teilt die Schwimmhilfen aus und fragt, wer eine benötigt. Ach so, klar: sie findet es großartig, dass Carl schwimmen kann… Ich habe mich mal wieder beim “germanbeing” ertappt: erst mal auf Fehler achten!

Dabei hatte Lesley zu Beginn des Schulterms, als unsere zwei Jüngsten in ihrer neuseeländischen Grundschule ankamen, ihr Vorgehen erklärt: die Jungs sollten erst eimal “survival English” lernen, also die wichtigsten Worte und Formen, um im Alltag zurecht zu kommen. Die “ing-Form” ist einfach und passt oft, also wird sie ausgiebig genutzt. Außerdem sollten wir uns nicht wundern, wenn die Jungs erst mal gar nichts sagen – die sogenannte “silent phase”, das reine Zuhören und sich in die ungewohnte Sprache hineinhören, sei gerade am Anfang für die Lernenden immens wichtig. Wir sollten die Jungs dabei nicht stören und auch nicht selbst versuchen, mit ihnen Englisch zu sprechen, denn das würde sie verwirren. Das Gehirn müsste die Sprache auch Personen zuordnen und so quasi für jede Sprache eine Art “Schublade” anlegen, zu denen die Bezugspersonen der Schlüssel seien.

Lesley (links) mit der Englisch-Klasse im Schwimmbad.
Lesley (links) mit der Englisch-Klasse im Schwimmbad.

Hörte sich irgendwie philosophisch an – und funktionierte! Nach gut zwei Monaten ist die silent phase definitiv vorbei, und unsere Jungs scheuen sich nicht, sich in Englisch in allen möglichen Situationen zu artikulieren: nach der Toilette fragen, Eis holen, im Mitmachtheater mitmachen, mit Freunden spielen… Dass dabei vieles “falsch” ist, sie auch die Zeiten (noch) nicht wirklich beherrschen und eben überproportional viel “ingen”, lässt uns kaum noch zusammenzucken. Im Gegenteil: wir sind unglaublich stolz auf die beiden. Wie genau der Spracherwerb funktioniert, ist uns zwar immer noch ein Rätsel – aber das ist es für Eltern ja eigentlich auch, wenn kleine deutsche Kinder Deutsch lernen, kleine schwedische Kinder Schwedisch, und manche Kinder sogar gleich zwei Sprachen auf einmal. Dem Erlernen der Erstsprache gemeinsam ist, dass Kinder sie ganz ohne Lehrbuch, Vokabeln pauken und Rotstift lernen, sondern vor allem durch Nachahmung. So ähnlich funktioniert es wohl auch bei unseren Jungs: sie saugen die fremde Sprache wie Schwämme in sich auf, fragen mittlerweile nach allen möglichen Worten, sprechen manchmal Englisch untereinander, z.B. wenn englisch-sprechende Personen dabei sind und schauen gerne TV oder gehen ins Theater/Kino, ohne dass es sie sonderlich zu stören scheint, dass sie nicht jedes einzelne Wort verstehen. It’s amazing!

Ben mit Englisch-Übungsheft
Ben mit Englisch-Übungsheft

Mittlerweile, nach fast einem halben Jahr in Neuseeland, bemerken wir durchaus Unterschiede im Sprachverständnis der beiden, sowie in der Aussprache: während der 6-jährige Ben munter in breitem Kiwi-Slang parliert (er zählt z.B. “one – two – three – four – five – six – “siven” – eight – nine – “tin”), hat Carl, der Ältere von beiden mit 10 Jahren bereits in der Schule einiges an Englisch-Unterricht hinter sich. Er setzte sich daher von Anfang an ein wenig unter Druck, dass er ja einiges schon können müsse, und hat auch einen deutlich “deutschen” Akzent. Auch ist um einiges “analytischer”, was Sprache anbelangt, und hinterfragt mehr und mehr auch das Deutsche. So meinte er letztens etwas zum Thema “unregelmäßige Verben”, dass man diese doch eigentlich abschaffen könne, um Sprachen einfacher erlernbar zu machen, und konjugiert seither folgerichtig z.B. “ich schlafe, ich schlafte, ich habe geschlaft”. Eigentlich keine schlechte Idee!

Das eigentlich Entscheidende ist für uns alle aber: die Kinder bewegen sich selbstbewußt in der fremden Sprache, sprechen Leute an, reden mit anderen Kindern und haben keinerlei Berührungsängste – so wie Carl, der sich in Christchurch plötzlich an die eingefleischte Schachrunde am Cathedral Square wandte, und darum bat, auch eine Partie mitspielen zu können. Es wurden so einige Partien, bei denen er die Männer dabei nicht nur mit seinen Kenntnissen der Schach-Fachbegriffe verblüffte!

schachspielen
Chessround in Christchurch

Übrigens: abgesehen von Englisch lernen unsere Kinder auch nebenher noch ein wenig Maori, bzw. Te Reo wie die Sprache der Maori (übrigens “Mauri” ausgesprochen) korrekt heißt! Unser Teenager haben im College Te Reo als eigenständiges Unterrichtsfach, die Grundschulkinder singen jeden Freitag die Nationalhymne auf Maori (das neben Englisch und Gebärdensprache offizielle Landessprache ist), machen ab und zu Kapa Haka und haben für ihre Klassen eigene “Mihimihis“, kleine Sinnsprüche, die jeden Tag mantraartig den Unterricht einleiten. Auch Zahlen, Wochentage, Wetter – alles hängt in bunten Bildern an den Klassenzimmerwänden auf Maori. Wir bemerken, dass auf diese Weise Sprache tatsächlich “nebenher” aufgenommen wird, und zusätzlich das Verständnis für die Kultur gefördert wird, die hinter einer Sprache steckt. Bei verschiedenen Veranstaltungen, an denen wir teilnehmen wie z.B. Waitangi-Day, dem neuseeländischen Nationalfeiertag, wird ebenfalls viel Maori gesprochen. So können wir uns gut vorstellen, wie es sich für Carl und Ben angefühlt haben muss, als sie in die Schule kamen, und erst einmal gar nichts verstanden. Aber allein durch das Zuhören, und ein paar Erklärungen zu bestimmten wichtigen Worten (wie z.B. Whanau = Familie, Zahlen und Basics wie Mann, Frau, etc.) können wir mitunter sogar ein paar Brocken verstehen, z.B. wenn wir mal in den Maori-TV-Sender hineinzappen…

Also mal wieder “learning by doing”, eintauchen in die fremde Sprache und sich freischwimmen. Dazu passt der Englisch-Unterricht an der Montessorischule, die Carl in Deutschland besucht: Auch dort werden die Grundlagen von einer Native Speaker(in) (großes Lob an Karen McGough) gelegt, die möglichst von Anfang an nur Englisch spricht. Also Unterricht ohne sogenannte “Referenzsprache”, in die hinein übersetzt wird. So können die Kinder besser “umswitchen”. Sie können quasi eine eigene Schublade für die Fremdsprache einräumen und später aufziehen, um sich daraus nach Bedarf zu bedienen. So müssen sie nicht erst das jeweilige Wort im Deutschen suchen. Dass es diese getrennten Sprachschubladen gibt, bemerken auch wir Erwachsene mittlerweile bei uns selbst: manche Worte fallen uns nur auf Englisch ein, und wir müssen direkt überlegen, was es auf Deutsch heißt. Oder wir “übersetzen” englische Worte falsch, wie letztens, als ich vorschlug, doch mal wieder zu einer “Weinerei” zu fahren… Was damit gemeint ist? Das ist eigentlich leicht herauszufinden 😉

Lust auf etwas Kiwi-Slang? Bitte sehr:

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