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Schöne rauhe Welt – Reise durch die Südinsel (2)

(Chr) Der etwa 250 km lange Weg von der Otago Peninsula Richtung Westen ins kleine Städtchen Alexandra führt uns zunächst einigermassen unspektakulär durch sogenanntes “Farmland”. Farmland ist – ausserhalb der Ansiedlungen – in Neuseeland fast alles, was das Auge sieht. Die Land- und Forstwirtschaft ist noch vor dem Tourismus der größte Wirtschaftszweig des Landes, und im Grunde ist – abgesehen von den Küsten, den apinen Regionen, den Regenwäldern an der Westküste und den ausgewiesenen Nationalparks –  jedweder Quadaratmeter landwirtschaftlich überformt. Dabei spielen Viehzucht (Rinder, Schafe) und Milchproduktion die größte Rolle  und das mit allen ökolgischen Nebenwirkungen). Obst und Weinbau sind weitere wichtige ökonomische Stützen des Landes. Neuseeland exportiert etwa 90 Prozent seiner landwirtschaftlichen Produkte, zumeist nach Asien und Europa. Das Farmland sieht sehr unterschiedlich aus: es kann eine grüne, für uns sehr ursprünglich wirkende Hügelgraslandschaft sein oder auch ein Flusstal, in dem Rinder weiden. Auch das, was wir als attraktiven Wald links und rechts der Strassen betrachten, ist zumeist intensiv bearbeitete Nutzfläche. Die Möglichkeit, ähnlich wie bei uns in Deutschland solche land- oder forstwirtschaftlichen Flächen zu betreten, ist sehr begrenzt: in Neuseeland sind fast alle Flächen (die nicht dem Staat gehören) eingefriedet, und das Passieren der Landschaft zu Fuß ist nur auf ausgewiesenen Tracks möglich. Einfach “in den Wald gehen” oder “über die Wiesen laufen” – wie wir es aus Mitteleuropa gewohnt sind –  bleibt einem (zumindest offiziell) verwehrt.

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Wir sind freudig überrascht als sich die Farmland-Landschaft nach etwa 100 Kilometern in der Nähe von Middlemarch ändert: merkwürdig bizarre Stein- und Felsformationen ragen plötzlich aus den Weiden, wir nähern uns den “Schist Tors” und der “Rock and Pillar Range“. Es handelt sich um eine weitläufige Weidelandschaft, die von erodierten Schieferfelsen duchzogen ist. Die Range wurde als Hobbit-Location genutzt: eine Szene aus dem 1. Teil, bei der der Hobbit Bilbo Beutlin und die Zwerge vor den Orcs fliehen und den Eingang zu Rivendell (Bruchtal) entdecken, wurde hier gedreht. Wir finden den Eingang zu einem einstündigen Track, der zu dem einzigen neuseeländischen Salzsee, dem Sutton Salt Lake führt. Auf dem Weg, auf dem wir ganz allein unterwegs sind, faszinieren uns die bizarren Gesteinsformen. Sie laden zum Klettern und “Hobbit-Nachspielen” ein. Zwischendurch begegnen uns einige halbschläfrige Schafe und Hinweise auf die geologische und kulturhistorische Bedeutung der Landschaft. Dann frischt ein heftiger Wind auf und wir trollen uns zurück ins Auto.

Mt dem letzten Tropfen Benzin erreichen wir nach weiteren 100 Kilometern Ranfurly, eine Kleinstadt mit gut 1000 Einwohnern, die in einer trockenen Ebene, umgeben von Hügeln und etwas höheren Gebirgen liegt. In Ranfurly herrscht Kontinentalklima, hier wurde der “Tiefsttemperaturrekord für Neuseeland” gemessen, minus 25,6 Grad im Jahr 1903. Ranfurly war auch einer der vielen Orte des neusseländischen Goldrausches in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Und so ein wenig vom Dawson-City-Image hat sich das Städtchen bis heute bewahrt, ein touristisch attraktiver “gemischter Vintage-Style” prägt das Ortszentrum. Proper daher kommt im ehemaligen Bahnhof die i-Site (die Tourismusinformation), die gleichzeitig Museum ist. Wir finden dort ein Bild von einem internationalen Rugbywettbewerb aus der Spielzeit 1945/46, bei dem ein Spieler aus Ranfurly mit dabei war. Gegner der Neuseeländer waren damals übrigens Australien, England und (man staune) Germany. In Ranfurly ist im Übrigen ein kleines sehenswertes Museum in einer ehemaligen Milchbar beheimatet, das sich mit seiner Sammlung vor allem dem Art Deco-Alltagsdesign widmet. Betreut wird es von Ida, einer schätzungsweise Mitte-80-jährigen Frau, die uns die Schätze ihrer Kollektion mit großer Begeisterung näher bringt.

Weiter geht es noch ein halbes Autostündchen – bis wir Alexandra erreichen, ein Unterzentrum mitten zwischen Alpen und Küste (ausführlich dazu ein persönlicher Eindruck von Alexandra). Schnell merken wir, dass diese Stadt so einiges mehr als einen attraktiven Namen offeriert: Wir finden eine wunderschöne Hängebrücke unter der ein romantischer Fluss mit einladenen Badestellen fliesst. Wir wackeln über die “Shaky Bridge” und stehen vor schroffen, offensichtlich pflanzenlosen bräunlichen Felswänden. Doch ein wenig genauer Hinsehen hilft bisweilen: denn die Wände sind komplett übersät von niedrig wachsendem Thymian, der braune, verblühte Spitzen trägt. Die Anwohner der Gemeinde haben sich etwas Schlaues einfallen lassen, um diesen Schatz kundzutun. Sie haben vor einigen Jahren in die Felswand eine große Uhr gehängt. Sie symbolisiert “Time” und “Thyme”. Der Thymian wird im Übrigen im französischen Restaurant “Shaky Bridge Wines & Bistro”, das direkt unterhalb der Felsen liegt, für die hauseigene crème brûlée verwendet. Köstlich! Jährlich im November feiert Alexandra das Thymianfestival, zur Zeit der Kräuterblüte. Der Duft in dieser Landschaft muss in dieser Zeit überwältigend sein. Wir pflücken als Souvenir einen größeren Strauß vom trockenen Thymian, den wir den Rest der Tour als Gewürz verwenden.

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Zwei Tage verbringen wir in Alexandra und brechen aufgrund der Wetterprognose – anders als geplant – nicht Richtung Westen nach Queenstown auf, sondern orientieren uns zurück in den Norden, nach Glentanner, ein Camp am Eingang des Tals zum Mt. Cook Nationalpark. Der Idee war ursprünglich, über Queenstown und den Haast-Pass an die Westküste der Südinsel zu queren. Prognosen, die für die Westcoast anhaltenden Regen vorhersagen, bringen uns dazu, die Route zu ändern. Nach Glentanner führt eine sehenswerte “Scenic Route” entlang der Alpenkette. Dabei geht es – diesmal ohne Regen – durch blühende Lupinenfelder über den Lindis Pass  (mit Fotosession für die Blumenkinder).

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Mächtig beeindruckt uns der unwirklich türkisfarben schimmernde Lake Pukaki. Glentanner liegt an dessen Nordwestspitze. Wir schlagen unser Zelt bei stürmischen Winden auf, das Wetter ist auch hier sehr unbeständig.  Wir befinden uns auf dem Campingplatz direkt unterhalb einer Wettergrenze: ab und zu schwappen von Westen einige leichte Regenschauer in den tiefblauen Sonnenhimmel hinein. Ein Regenbogen der Extraklasse neigt sich über das Camp und die Berge. Die Nacht wird dann ein wenig unheimlich. Aus dem heftigen Wind wird ein ansehnlicher Sturm, die kleineren Kinder finden das nicht besonders lustig, denn immer wieder müssen wir nachts aus dem Zelt, um die Abspannseile und Häringe neu zu justieren, einzelne Zeltstangen halten dem Druck nicht stand. Zum Glück steht morgens unsere Behausung noch – mit Hilfe des 30 Meter-Seils unserer Hängematte, das wir zum provisorischen Stabilisieren nutzen.

Der Tag bringt bei gutem Wetter eine entspannte Wanderung an einen besonderen Ort: den Tasman-Gletschersee, etwa 20 km nördlich von Glentanner, nahe des Edmund Hillary-Alpincenter. Einige Eisbrocken schwimmen auf dem Gewässer und in einiger Entfernung entdecken wir die Abbruchkante der Eismassen, die insgesamt 29 Kilometer lang und bis zu 3 km breit sind. Die Gletscher in Neuseeland sind insbesondere in den Niederungen der Alpen von Schutt bedeckt, so dass sie grau-brau überfärbt sind. Wir ahnen, welche Naturgewalt hier am Werke ist. Beim letzten großen Erdbeben in dieser Region (Christchurch 2011) brachen 33.000.000 Tonnen Eis in den Gletschersee, ein Abbruch, der in der Folge im Lake Pukaki eine Tsunamiwelle von 3,5 Metern Höhe auslöste. Wir sind beeindruckt, und die weibliche Doppelspitze unserer Group schliesst noch eine dreistündige Wanderung Richtung Hooker-Valley an, die über drei Hängebrücken vorbei an Gletschern führt, die aus der Region rund um den Mount Cook abfliessen.

Die zweite Nacht im Glentanner-Camp wird dann noch ungemütlicher als die erste. Die Wettervorzeichen stehen auf heftigem Regen und einige Mitbewohner der Campsite, deren Zelt die vorherige Sturmnacht nicht wirkich gut überstanden haben, ziehen es vor, auf den Couchen im im Servicehaus zu schlafen. Keine schlechte Idee – wie sich später herausstellt. Sturm und Regen drehen wirklich enorm auf in der Nacht und wir haben erneut Mühe, das Zelt in passablem Zustand zu erhalten. Außerdem ist starker Regen auf einem großen Zelt sehr laut und lädt nicht unbedingt zum geruhsamen Erholungsschlaf ein. Erstaunlicherweise bleiben alle trocken, auch wenn das Zeltgestänge an mehreren Stellen gebrochen ist.

Für den nächsten Tag steht eine mehrstündige Autotour auf dem Programm. Wir möchten weiter nach Norden, um dann über den Arthur’s Pass die Westküste zu erreichen. Bei Regenwetter fahren wir vorbei am eigentlich auch türkisfarben schimmernden Lake Tekapo. Weiter durch die voralpinen Farmerstädtchen Fairlie und Geraldine – mit empehlenswerten Cafe-Locations – landen wir am frühen Abend in Spingfield, das nur 80 Kilometer vom Arthur’s Pass entfernt liegt. Hier übernachten wir in einem schönen Motel, mit einem riesigen Garten ganz für uns allein.

In der Nacht kündigt sich weiteres Unheil an: es gießt wie aus Eimern. Am nächsten Morgen scheint jedoch die Sonne und wir fahren guten Mutes ein Stückweit die Passtrasse, bis wir von Absprerrungen aufgehalten werden. Der Regen war so heftig, dass Murenabgänge den Weg versperren. Um an die Westcoast zu kommen, sind wir gezwungen etwa 200 Kilometer Umweg über den Lewis-Pass in Kauf zunehmen.  Auch dieser Weg ist mühsam: immer wieder passieren wir Absprerrungen, fahren durch frei geschobene Murenabgänge oder müssen kleine Umwege nehmen. Die Flüsse schwappen zum Teil bedrohlich auf die Fahrstrasse. Nach ca. vier Stunden erreichen wir endlich die ehemalige Goldgräberstadt Reefton (ca. 1000 Einw.), die zwar noch im Landesinneren liegt, aber schon zur Region Westcoast gehört. Sie hat sich (mindestens aus touristischen Motiven) einiges von ihrem Image bewahrt. Reefton war im Übrigen auch die erste Stadt in Neuseeland, die mit elektrischer Energie versorgt wurde (1888). Wir kehren im “The Broadway Tearooms and Bakery” ein und geniessen einige leckere Rolls and Pies. Dann noch ein kurzer Abstecher in einen der einladenden Second-Hand-Läden, in dem wir eine Original-LP “Peter, Paul und Mary in concert” aus dem Jahr 1960er Jahren erwerben (große Freude, denn es ist die heute seltene Aufnahme mit den ersten Konzertmitschnitten von 1964f.).

Die Fahrt führt uns weiter über das von Wasser überquillende Greymouth nach Hokitika.
Hier gibt es eigentlich alles, was das Touristenherz begehrt: einen Strand mit wunderschönen Steinen (zum Sammeln), einen Platz mit dem angeblich schönsten Im-Meer-versinkt die Sonne-Untergang in Neuseeland (wir hatten Glück mit dem Wetter und der Sunset war so grandios, dass eine Mitfotografin um ein Haar vor Lauter Knipsen fast ins Meer gefallen wäre), einen Minizoo mit echten Kiwis, die wir in der Dunkelheit beobachten können, und mit uralten, über 100jährigen Riesenaalen, die unsere Kinder füttern und streicheln dürfen, sowie eine Felsenschlucht mit Glowworms, die in der einsetzenden Dunkelheit eins nach dem anderen bläulich zu leuchten beginnen (wunderbar, und bitte gleich nach dem Sunset dorthin fahren!).
Auch rund um Hokitika gibt es viel zu entdecken, zum Beispiel ist die Gegend um den Hans Bay Lake mit Wasserfällen und Hängebrücke für einen Tagesausflug sehr geeignet.
Kräftig bewerben möchten wir das Hostel, das uns in Hokitika zwei Tage beherbergt hat. Es heißt Birdsong und wird von Neil und Kerry, zwei englischen Einwanderern, mit sehr viel Hingabe betrieben. Überragend ist der Blick aus der Gemeinschaftküche mit großem Fenster zum tosenden Meer. Nachmittags knüpft Kerry mit den Kindern aus Palmenblättern Kunstwerke und malt richtig schöne realistische Naturbilder – ein Erlebnis für sich.

Wir verabschieden uns Richtung Norden, nicht weit, und gelangen entlang der schroffen Westküste nach Punakaiki. Hier gibt es eine der größten touristischen Attraktionen der Südinsel: die Pankake Rocks, vom Meer durchspülte Kalkfelsen, die wie Pfannkuchen übereinander lagern. Zwischen den Rocks tun sich sogenannte “Blowholes” auf, durch die sich das Meerwasser nach oben peitscht – eine gewaltige Szenerie. Die Rocks sind über einen bequemen kurzen Wanderweg zu erkunden. Der benachbarte Truman Track führt uns nach 15 Minuten in eine bizarre Sand- und Felsenlandschaft, in die auf der einen Seite ein Wasserfall aus den Berg schiesst und auf der anderen das Meer wuchtet. Ganz in der Nähe des Tracks führen weitere Wanderwege in den bizarren Regenwald der Westküste. Für Liebhaber der besonderen Küche ist das “Pakake Rocks Cafe” zu empfehlen, das aus der Touristenattraktion gleich ein Menü gezaubert hat: Pfannkuchenberge mit Bananen, Schinken und leckerer Schokosauce. Vor dem Restaurant befindet sich eine Würstelbude, in der “Bratwurst mit Sauerkraut” auf der Speisekarte steht. Hinter der Theke bedient eine der zahlreichen “WorkandTraveller”, eine junge Frau aus Würzburg, die sich ihre Weltreise mit “zwichendurch Arbeiten” verdient. In Punakaiki gefällt es ihr besonders gut, bereits seit drei Monaten ist sie hier im Dienst. Die Bratwurst ist im Übrigen exzellent und für eine Speisegebühr von schlappen 9 Dollar (6 Euro) zu bekommen.

Punakaiki ist fast unsere Endstation. Wir sind nach gut sechs Wochen Reise gesättigt von all den Eindrücken, die uns das wunderbare Neuseeland beschert hat. Ein kurzer Abstecher bei Westport bringt uns noch nach Cape Foulwind, wo wir eine riesige Seehundkolonie beobachten können. Über Murchison fahren wir zurück in die Tasman Bay. In der Nähe unserer neuseeländischen Heimat Nelson schlagen wir zum Ausklang der Reise für drei Nächte im Mapua Leisure Park unser Zelt auf. Hier gibt es viel Platz, Sonne, einen tollen Pool mit Sauna, einen Beach mit Cafe und Ausblick, sowie einen Hafen mit Restaurants und Einkaufsläden gleich ums Eck. Das gegenüber liegende Rabbit Island mit seinem einladenden langen Strand und den praktischen Grillplätzen haben wir schon von Nelson aus ein paar Mal besucht. Es zeigt sich uns verändert: Sturm und Regen haben dort schwere Schäden angerichtet, wir beobachten, wie ein Teil des Waldes radikal abgeholzt wird.
Die letzte Entdeckung unserer Tour sind dann die Wasserquellen  im Riwaka-Valley unweit von Motueka. Kristallklarstes (gibt es den Superlativ überhaupt?) Wasser strömt aus den Felsen und fließt in einem wunderschönen Wald das Tal herab. Zwischendurch lädt der River immer wieder zum Baden ein.

Nach 41 Tagen Rundreise sind wir dann am 26. Januar zurück in Nelson und werden von unseren Freuden und Gastgebern Stephan und Melanie herzlich empfangen. Die beiden übergeben uns ihr Haus für die nächsten 10 Wochen, sie selbst die gehen nun das zweite Mal – mit ihrem unvergleichlich einmaligen, selbst ausgebauten Toyota Dyna Campervan auf Tour. Gleich am nächsten Tag startet für die Kinder die Schule, der “Alltagstrott”, sofern man unseren Aufenthalt in Nelson so einordnen kann, er beginnt jetzt wieder.

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