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Der “Kiwi-Blend” – Reise durch die Südinsel (1)

(chr) Die entscheidende Frage vor der Umrundung und Durchquerung der Südinsel Neuseelands lautet: „So rum oder so rum?“ Gemeint ist die Routenführung, die zunächst vorbei an der Westküste und dann durch den Osten der Insel zurück oder eben andersherum erfolgen kann. Wir entschieden uns für andersherum, weil uns die Einheimischen in Aussicht stellten, dass im Hochsommer (also gegen Ende unserer geplanten Tour) an der Westküste stabileres Wetter vorherrschen würde. Der Westen der Südinsel ist ja eine der regenreichsten Regionen der Welt, und ein Tag mit purem Sonnenschein ist wirklich eine Ausnahme. Der Osten hingegen ist viel trockener, da sich die Wolken spätestens an der zentralen Alpenkette erst einmal abregnen. So führte uns unser Weg zunächst in den Badekurort Hanmer Springs, 300 Kilometer oder fünf Autostunden südöstlich von unserem Ausgangspunkt Nelson entfernt. Der Weg dorthin ist zum Teil sehr gebirgig, zieht sich durch bizarre Flusstäler, Wälder und Hügellandschaften. Mittendrin gibt es das „Unterzentrum“ Murchinson, das vielleicht 500 Einwohner hat und das dortige „Rivers Cafe“, das die Durchreisenden magnetisch anzieht. Und zwar so, dass die Wartezeiten auf die Gerichte unsere Zeitplanung an diesem Tag doch sehr durchkreuzten. Wir fuhren also unverrichteter Dinge weiter. Bis Hanmer kommt dann nur noch eine Versorgungsstation in Springs Junction, nach weiteren 100 Kilometern. Hier wurden wir in einem „indisch“ betriebenen Restaurant verpflegt, Einwanderer aus Indien gibt es zahlreiche im Land, sie arbeiten vor allem in der Gastronomie und tragen zur weiteren Internationalisierung der heimischen Küche bei („Pie Satay“). Die Abstände zwischen den Ansiedlungen sind auf dieser Strecke wirklich enorm, und mal eben einen Liter Milch holen geht einfach nicht. In Hanmer Springs selbst entsteht leicht das Gefühl, sich in einer Oase der Langsamkeit und Bedächtigkeit zu bewegen. Es gibt die große geothermische Badelandschaft mit müde machendem warmen, heißen und sehr heißen Mineral- und Schwefelpools, dazu ein echtes Schwimmbecken und einige Rutschabfahrten für die Kinder. Das Bad fasst wirklich viele Menschen und obwohl wir an einem der meistbesuchten Tage vor Ort waren, hatten wir nicht das Gefühl des Sichaufdiefüßetretens.
Nach einer Übernachtung in einem Motel ging es eine gute Stunde Autofahrt weiter nach Christchurch, der größten Stadt der Südinsel. Christchurch hat uns massiv beeindruckt, dazu gibt es einen eigenen Blogartikel. Genauso zum „Mittelerde-Hotspot“ rund um den den Mount Sunday (Edoras), der zwei Stunden westlich von Christchurch in einer aufregenden Gebirgswelt eingebettet ist.

Der Weg von Christchurch in den Süden entlang der Ostküste gestaltet sich bayrisch formuliert zunächst etwas „fad“. Ein flacher Küstenweg mit Farmland und kleineren Ortschaften links und rechts erstreckt sich entlang des Highways, ab und zu erblicken wir in der Ferne Umrisse von grau-braunen Hügelketten. Das ändert sich erst kurz vor Timaru, einem kleinen Küstenstädtchen, das durch Beispiele „italienisch“ anmutende Architektur im Ortszentrum auffällt. Einige Kilometer weiter südlich in Oamaru wähnen wir uns dann irgendwo zwischen Pisa und Florenz, hier waren die Immigranten offenbar große Anhänger des Neo-Klassizismus. Säulen und dicke Steinquader prägen das Bild der „Altstadt“, die natürlich gerade mal gut 150 Jahre alt ist. Mit einer heute dieselbetriebenen ehemaligen Museums-Dampfeisenbahn fahren wir zum Hafen hinunter und gleich wieder zurück. Die zwei Strassen der Altstadt sind heute ein Ausflugsziel mit Eisdiele, Cafes und Andenkenshops. Wolle wird hier nicht mehr umgeschlagen. Unsere Unterkunft ist diesmal in einem „Backpacker“ mit dem schönen Namen „Chillawhile“. Es hat sich auf „Kunst“ spezialisiert, unsere (kleinen) Kinder malen begeistert einige größere Acrylbilder, die wir als Andenken wohl über den Ozean mit nach Hause nehmen werden (wie auch immer). Eine biologische Besonderheit sind die blauen Pinguine, die sich hier in Oamaru in einer Bucht angesiedelt haben, nachdem ihnen entsprechende Brutmöglichkeiten geschaffen wurden. Um die Bucht herum wurde eine Art „Obeservationsstadion“ gebaut, von dem aus wir bei Sonnenuntergang mit etwa 100 weiteren Interessierten die etwa ein Kilo leichten, kleinen Pinguine beim Heimkommen vom täglichen Meeresausflug bestaunen können (gegen Eintritt). Die Pinguine sammeln sich zunächst in „Kollektiven“ in der Nähe des Strandes auf dem Meer und betreten dann in geschlossener Formation ihre „Homebase“. Das sieht sehr sehr lustig und unfassbar niedlich aus.

Kurz hinter Oamaru biegen wir ab und fahren etwa 30 km ins Landesinnere: schon nach kurzer Zeit umgeben uns satte, beweidete Wiesen-Landschaften, zum Teil merkwürdig gerundet, geschliffen und geformt und von felsigen Rissen durchzogen. Es gibt einzelne Höfe entlang der Straße, Gegenverkehr nehmen wir eigentlich gar keinen wahr. Unser Ziel sind die „Elephant rocks“, karstige Steinfelder auf einer großen Schafweise. Die bis zu 10 Meter hohen Felsen sind Erscheinungen der Landhebungen der vergangenen Erdzeitalter. Sie „stehen“ in der Landschaft als Zeugnisse der Erdgeschichte, sind als ein geologisches Paradies und offenbar auch für Reisende wie uns eine Einladung zum Fantasieren, Klettern, Austoben. Auch in den Rocks sind wir so gut wie allein. Da sie abseits der Hauptrouten zu finden sind, kommen nur wenige Neugierige an diesem Ort vorbei.
Noch werkwürdiger erscheinen uns dann die absolut runden (Halb-) Kugeln, etwa 50 km weiter südlich, direkt an der Küste bei Moeraki am Strand im Sand liegend. Sie entstehen aus Tonstein und werden im Laufe der Zeit von den Meeresfluten sukzessive aus der Küstenlinie gespült. Die Moeraki Boulders sind berechtigterweise sehr populär, denn solche geologischen Formationen finden sich nur hier und in wenigen anderen Weltregionen.
Die Gegend um Moeraki ist zudem ein Tummelplatz für Seehunde (Kekenos) und die seltenen gelbe Pinguine. Auf einem Klippenareal haben zwei Naturfreude seit den 1980er Jahren ein Naturreservat geschaffen, das auf beide Tierarten sehr einladend wirkt. Wir streifen in den Abendstunden durch diese besondere Landschaft und kommen sowohl den Kekenos wie auch den Pinguinen sehr nahe. Uns gefällt, wie gelassen und entspannt sie sich beobachten lassen.
Unser Nachtlager schlagen wir in einer 6-Bett-Hütte auf einem schönen Strand-Campingplatz in Hampden, fußläufig zu den Boulders, auf. Dieser Platz wird seit etwa neun Jahren von einem netten schweizer Paar betrieben. Die Anlage eignet sich sehr für Familien mit Kindern, ein großes Spielfeld in der Mitte des Platzes sorgt für viel Abwechslung. Gleich in der Nähe des Campingplatzes finden wir das wunderbare “Vanessa’s Cottage Cafe“, das mit seinem superleckeren Pies, Rolls und Chips für zwei Tage zu unserer Versorgungsstation wird.


Unsere Ostroute führt weiter ins ca. 80 km weiter südliche Dunedin, der ehemals größten Stadt Neuseelands, heute mit ca 120.000 EInwohnern. Hier siedelten nach den Maoris bereits sehr früh Einwanderer aus Schottland, und genau dies, „das Schottische“, macht sich zumindest in der Architektur der Innenstadt (z.B. Bahnhof, Universität, Rathaus) und in den zahlreichen „schottischen“ Pubs und Bars bemerkbar. Dunedin lädt zum Vergleich mit Edinburgh ein. (der Namensteil “Dun” ist eine gälische Ableitung von “burgh”). Die Stadt ist die „Metropole“ des Süden der Südinsel und hat die älteste neuseeländische Hochschule mit sehr gutem Ruf, die Otago University. Eine Mitarbeiterin der Universität, die wir im Juni in Deutschland kennen gelernt haben, hat uns eingeladen, bei ihr zu übernachten. Große Freude! Denn sie und ihre Familie sind ausgesprochen herzlich und gastfreundlich. Sie wohnen in einer historistischen Villa mit einem Riesengrundstück an einem der vielen Hänge Dunedins. Die Gastgeberin erzählt uns, dass die Universität heute sehr modern dastehe, allerdings zunehmend wegen der vielen neuen und renovierten Gebäude. Am Personal, vor allem in den Geisteswissenschaften, werde unglücklicherweise gespart. Wie nehmen und Zeit für einige touristische Attraktionen: wir begehen die steilste Straße der Welt, die wirklich äußerst steil ist, und parken unser an sich sehr zuverlässiges Auto (das ja schon mal Kühlerprobleme hatte) lieber am Fuß der Straße. Einige Mutige fahren mit tiefergelegtem Chassis bis zum „Gipfel“, den wir als alpenerfahrene Gesellen zu Fuß nur etwas mühsam erklimmen.  Danach fahren wir um den großen Hafen herum zu einen bildschönen Strand St. Clair, der sogar eine Uferpromenade hat, was in Neuseeland sehr selten ist. Und noch ein Stück weiter zu dem spektakulären „Tunnelbeach“, an den der Pazifik mit beeindruckender Wucht seine Wellen schlägt und sich faszinierende Felsskulpturen geschaffen hat. Zu einer der Felsbuchten führt ein Tunnel, das erklärt den merkwürdigen Ortsnamen.


Unsere letzte Station an der Ostküste ist die Dunedin vorgelagerte Otago Peninsula. Eine hügelige Halbinsel, die sich etwa 30 km nach Osten erstreckt. Wir steuern unser Auto zunächst über den Inselkamm und erreichen den Sandfly-Beach, eine gewaltige Dünenlandschaft. Von dort aus geht es auf einer schmalen Küstenstrasse, die direkt und ohne Begrenzung an der Wasserkante entlangläuft, nach Portobello. Am nächsten Tag entdecken wir entlang dieser Straße ein Fahrzeug, das wohl die enge Begrenzung nicht einhalten konnte und mit der Nase im zum Glück sehr niedrigen Meeresboden steckt. Portobello umfasst einige (Ferien-) Häuser, drei Cafes und Restaurants, eine Eisdiele, die riesige Portionen ausgibt, dann einen Friedhof, eine Schule mit Schwimmbad und einen kleinen Einkaufsladen. Wasserkantenidylle pur also. Dazu gibt es noch einen schönen Campingplatz, auf dem wir in einer Hütte übernachten. Von Portobello zieht sich eine etwa 10 km lange Schotterstraße an den „Allan’s-Beach“, dem wir bei untergehender Sonne einen Besuch abstatten. Der Strand hat es in sich: feindsandig, weitläufig, großzügig, fast menschenleer – dafür der Siedlungsplatz zahlreicher Seelöwen, die dösend auf einigen Felsen liegen. Wir sollen ihn nicht zu nahe kommen, denn sie können zu eher ungemütlichen Zeitgenossen werden, ein Fotoabstand von 10 Meter wird angeraten. Wir halten uns soweit wie möglich daran (durch ihre Tarnfarbe sind sie leicht zu übersehen) und beobachten die Tiere aus respektabler Distanz, wie sie sich bisweilen ein wenig linkisch drei oder vier Schritte fortbewegen. Kaum vorstellbar, dass sie uns flink verfolgen sollen können.
Die Attraktion der Halbinsel ist das an der Ostspitze gelegene Albatros-Zentrum. Es  beherbergt eine sehr gute Infoschau und bietet Zugang zum umzäunten Areal, auf dem die Albatrosse leben und brüten. Wir scheuen uns, eine geführte Wanderung zu den Riesenvögeln mitzumachen. Die Preise erscheinen diesmal einfach nicht angemessen. Die Albatrosse zeigen sich uns dennoch: wir sehen sie mit Unterstützung unseres Fernglases, wie sie etwas ungelenk mit weiten und langsamen Schwüngen die Küste ansteuern und sich niederlassen. Die Spannweite ist ja mit bis zu drei Metern wirklich beachtlich.
Unser letztes Frühstück in Portobello verbringen wir im schönsten Cafe des Ortes, dem “Penguin Cafe“. Die dortige einheimische Betreiberin ist sich sicher, dass Portobello ein schottischer Name ist. Wir wollen ihr dies gar nicht glauben und verweisen auf Bella Italia, doch tatsächlich handelt es sich ursrpünglich um einen Hafen in der Nähe Edinburghs. Und was die Vielefalt der Einflüsse aus aller Welt auf die “heimische” Kultur noch deutlicher macht: nebenan im “Meet-the-locals-Restaurant” gibt es einen “typischen” Kiwi-Blend: leckere Pizza mit Cranberrypürree (statt Tomatensauce), Aprikosenstücken und Chicken.

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