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Crazy Christchurch und der Re:start einer ganzen Stadt

Hier schreiben Alexandra und Christoph:

Beinahe hätten wir Christchurch von unserer Reiseroute gestrichen! Was für ein Glück, dass wir Freunde dort treffen wollten, und so eine Nacht in einem Motel im Stadtteil New Brighton buchten, der vom großen Erdbeben 2011 besonders betroffenen war. Unser erster Kontakt mit der Stadt sorgte sofort für eine tiefe Zuneigung: wir trafen uns an der Cardboard-Cathedral, einer aus Pappe und Plastikröhren von einem japanischen Künstler gestalteten Kirche, die als Ersatzbau für die zerstörte Kathedrale errichtet wurde. Dahinter ein bewegendes Denkmal, das an die Verstorbenen erinnert: 185 „empty chairs“ symbolisieren die Opfer, die das Erdbeben vor allem in einer Sprachschule und in einem Hotel gefordert hatte. Beide Gebäude stürzten einfach in sich zusammen. Eine Infotafel erklärt, dass man sich durchaus auf den Stühlen niederlassen dürfe, um innere Zwiesprache zu halten. Wir hatten ja erst vor wenigen Wochen selbst ein Erdbeben erlebt, wenn auch vergleichsweise harmlos und ohne gravierende Folgen. Jedoch wurde uns unmittelbar deutlich, welche Kräfte inmitten des pazifischen Ring of Fire wirken, und wie schwach und anfällig menschliche Bauwerke demgegenüber sind.

In Christchurch hatte das Beben vom Februar 2011 etwa 80% der Innenstadt so stark getroffen, dass die Stadt immer noch wie nach einem Krieg wirkt. Etwas mehr als 1400 Gebäude wurden beschädigt oder zerstört. Viele Gebäude mussten seither mühsam auf Schäden untersucht und abgerissen bzw. abgetragen werden. In manchen fand sich Asbest, so dass sich der Abriss verzögerte, es gibt bis heute Streitigkeiten mit den Versicherungen und Behördenchaos. So kommt es, dass rund 6 Jahre „danach“ immer noch große Teile der Innenstadt aus Ruinen, Baukränen und Schutt bestehen. Und dazwischen Kunst, Kultur und Kulinarik. Wir sind bereits am ersten Abend tief beeindruckt, wie nah hier in Christchurch Zerstörung und Neuanfang beisammen liegen. Unser netter Gastgeber in der Unterkunft „Sandy Feet Hotel“ erklärt, dass er das Motel in einem ziemlich maroden Zustand erst im vorigen Jahr übernommen und renoviert hätte. Seither kommen immer mehr Menschen, seine Unterkunft ist ziemlich gut gebucht. Unsere Absicht, den Aufenthalt um einen Tag zu verlängern, kann er leider nicht erfüllen. Am nächsten Tag schüttet es wie aus Kübeln, was für unsere Tramrundfahrt durch die Innenstadt nicht allzu schlimm zu sein scheint. Der Tipp unseres Hosts war nämlich, erst einmal eine Runde zu fahren, sich zu merken, wo man aussteigen möchte, und dies dann beim nächsten Turn auch zu tun. Das Gute an der Tram in Christchurch ist nämlich, dass man mit einem Ticket „hopp on and off“ machen kann, und das den ganzen Tag.

Was uns abgesehen vom Charme der historischen Wagen begeistert, ist die Trambahnfahrerin. Sie kommentiert während der gesamten Fahrt auf witzige Weise, was wir sehen und woran wir vorbeifahren: dass es jetzt dank des Bebens ca. 900 statt 700 Parks und Grünanlagen in der Stadt gibt, dass zahlreiche „gap filler“  – Lückenfüller in Form von verschiedenen Kunstinstallationen – den Transitcharakter Christchurchs markieren, und dass man unbedingt noch einmal die „Re:start Mall“ besuchen sollte, eine Art Freiluftshoppingmall bestehend aus bunt bemalten Schiffscontainern. Diese sollen im Herbst 2017 (also etwa im März) verschwunden sein, denn dann wird die neu errichtete Mall eröffnet. Die Tramfahrerin sagt dies nicht ohne Wehmut, klar, denn langsam wird Christchurch wieder zu einer „normalen“ Stadt, was seinen Charme sicher verändern wird. Später erzählt uns die Mitarbeiterin eines Ladens, dass wir sowieso nur noch die Reste der Schiffcontainer-Mall sehen würden, die meisten seien schon wieder in „feste“ Gebäude umgezogen. Sie hatte damals, als das Beben die Leute um die Mittagszeit überraschte, glücklicherweise gerade ihren freien Tag. Angst vor weiteren Beben habe sie nicht, damit würde man als Kiwi schließlich groß werden. Und sie liebt Christchurch trotz allem sehr. Umso größer ihre Freude, als wir ihr gestehen, dass wir ihre Stadt auch gerade wegen ihres „transition characters“ so sehr ins Herz geschlossen hätte.

Eine weitere Glücksgeschichte gibt die Trambahnfahrerin zum Besten, als wir an den kleinen Food-Carts am Cathedral Square vorbeirattern, dem Platz, an dem immer noch die halbkaputte Kathedrale im neogotischen Stil auf die Entscheidung wartet, ob sie wiederaufgebaut oder ihre Reste abgerissen werden sollen. Die hier schon seit vielen Jahren ansässigen Food-Carts seien an genau zwei Tagen im Jahr nicht hier: an Weihnachten, und an einem Tag im Februar, an dem sie bei einem großen Musikfestival das Catering machen. Der Tag des Bebens war just der Tag des Musikfestivals, und hat den Betreibern und ihren Wägen das Leben gerettet.

So begleitet das Thema Erdbeben natürlich unseren kurzen Besuch in Christchurch, und als wir am Nachmittag ins Gebirge, zur Mt. Potts Lodge, aufbrechen, sind wir ein wenig traurig, dass wir dieser starken Stadt nicht noch mehr Zeit widmen konnten. Wir beschließen, umzudisponieren, und nach zwei Tagen in den Bergen noch einmal hierher zu kommen.

Bei unserem nächsten Besuch quartieren wir uns im Stadtteil Riccarton ein, der direkt an den Botanischen Garten grenzt, durch den wir bequem in die Innenstadt laufen können – natürlich nicht ohne jeden der riesigen und exotischen Bäume einzeln bestaunt zu haben. Derweil sich ein Teil der Familie in der hervorragend gemachten Ausstellung „Quake City“ noch ausgiebiger über das große Beben informiert, bleiben Alexandra und Benjamin im Park, und genießen den wunderbaren Spielplatz mit dazugehörigem Mini-Pool. Überhaupt Spielplatz: auch einer der größten Spielplätze der Welt ist in Christchurch zu finden, er wurde den Kindern der Stadt nach dem Beben von einer privaten Mäzenin gestiftet. Unsere beiden Jungs sind begeistert…

Der eindrücklichste Gapfiller ist der „Dance-O-Mat“ auf einem Platz zwischen Ruinen, der von vier Lautsprechern umrahmt wird. Dessen Herzstück ist eine alte Waschmaschine, die zu einer Art Jukebox umfunktioniert ist, die man mit der eigenen, auf Handy oder iPod mitgebrachten Musik eine halbe Stunde für zwei Dollar betreiben kann. Und dazu tanzen… ein in Christchurch offenbar gestrandeter Stadtstreicher aus Manchester dreht andächtig seine Breakdance-Runden zu unserer Lykke Li-Musik, auch einer, der offenbar auf einen Neuanfang wartet, und so lange das Beste aus seiner Situation macht.

Es ist, als würde uns die Stadt einladen, uns trotz ihres Aussehens an jeder Stelle wohlzufühlen, das neuseeländische „Enjoy!“ wird den Ruinen entgegengesetzt. „Everything is going to be allright“ prangt in bunten Leuchtbuchstaben an der modernen, gläsernen Art Gallery, die zwar äußerlich keine Schäden abbekommen hatte, deren Fundament aber so beschädigt wurde, dass das Gebäude komplett abgehoben und von unten verstärkt werden musste.

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