Posted in Die Reise, Mittelerde in Neuseeland, Natur, NZ Landscape

Mittelerde-Tourismus am Mt. Sunday

Hier schreibt Alexandra:

Wer in Neuseeland unterwegs ist, steht stets vor schwierigen Entscheidungen: wohin mit welcher Route, welche „Hotspots“, welche „Auslassungen“, wie wird das Wetter, sollte man im Voraus buchen oder ist man dann zu unflexibel und so weiter. Reisen im “Flagstore der Schöpfung”, wie ein Reisejournalist NZ einmal genant hat, ist manchmal ein nicht ganz leichtes Unterfangen. Es führt immer auch zu vielen Konjunktiven: „Hätten wir doch länger hier Zeit gehabt“, „wären wir doch gestern bei dem schönen Wetter dort gewesen“ und so weiter. Und natürlich stellt sich dem Mittelerdefan auch immer wieder die drängende Frage: wo kann man tolle Film-Locations sehen?

Wir sind diesmal der Empfehlung unserer neuseeländischen Freunde (Dank an Stephan Gilberg und Melanie Gaskin) gefolgt, und erkunden fernab von allen Reiseführer-Hotspots fast unbekanntes, wenngleich berühmtes Terrain: Den Mt. Sunday und seine Umgebung, besser bekannt als „Edoras“.

anfahrtedoras

Dies schreibend liege ich fast allein (nur Mann und Kinder sind noch in der Nähe) inmitten einer ein Hektar großen Farmlodge unter Pine Trees mit Aussicht auf breite Gebirgstäler und weiße Alpengipfel, nur das Rauschen des Windes und Vogelgezwitscher im Ohr. Wir haben uns für drei Tage in der Mt. Potts Lodge eingemietet, einem Ensemble aus Haupthaus mit Bar und Billardtisch, ein paar Selbstversorger-Cabins, einer Außenküche mit Grill und einigen Holzverschlägen mit „bunk-beds“ (lustigen 3er Stockbetten) in unmittelbarer Nähe zum Mt. Sunday, der in keinem mir bekannten Reiseführer Erwähnung findet. Entsprechend einsam ist es hier – die anderen etwa fünf Gäste sind wohl unterwegs, die Hüttenwirte sind kurz „in der Stadt einkaufen und ein Bier trinken“ (mit der Stadt ist Ashburton ca. 60 km, bzw. eineinhalb Autostunden entfernt gemeint). Wir haben unsere Tagestour bereits gemacht und den Mt. Sunday erklommen, ein inmitten einer weitläufigen Wetland-Ebene etwa 150 Meter aufragender Felsenhügel, der schon an sich (ohne Edoras-Geschichte) spektakulär ist. Denn die absolut leer erscheinende Umgebung in Lila-, Grün- und Gold-Tönen ist von den neuseeländischen Alpen umrahmt, unter anderem glitzern ein paar Gletscher  in das Tal hinunter. Sie sind quasi die Rückseite der Alpen an der neuseeländischen Westküste.

wetlands

 

Was Mt. Sunday noch interessanter macht, ist die Tatsache, dass er als eine der schönsten Mittelerde-Kulissen überhaupt eine gewissen Berühmtheit erlangt hat: auf ihm wurde in achtmonatiger Arbeit das Set der goldenen Halle und die Reiter-Stadt Edoras gebaut. In einer wunderschönen Szene im zweiten Teil der Trilogie, „Die zwei Türme“, steht die schöne Eowyn, die Nichte des siechen Königs von Rohan, am Rand der Stadt und blickt in eben dieses Tal hinunter. Eine Fahne des maroden Königreichs löst sich hinter ihr und flattert genau in die Arme der herannahenden Reiter Aragorn, Gandalf, Gimli und Legolas, die Rettung bringen werden. Dazu betörende Musik – ein magischer Moment Filmgeschichte. (Vor allem, wenn man weiß, dass Eowyn später einen der Oberschurken erledigen wird, der sie für einen Reiter hält und höhnt: „Kein Mann kann mich töten“, worauf sie, ganz emanzipiert, ihren Helm vom Kopf zieht und erwidert: „Ich bin aber kein Mann!“ – und zack, aus die Maus… Frauenpower im Männermythos!).

Das Set wurde nach den Dreharbeiten wieder komplett abgebaut, so hatte es die Produktionsfirma WingNuts dem DOC, dem Department of Conservation für alle Locations versprechen müssen: Die Natur durfte nirgends zerstört werden, alles musste nach den Dreharbeiten wieder in den vorherigen Zustand gesetzt werden. So kam es, dass es unweit des Mt. Sunday ein riesiges Greenhouse gab, in dem alle Pflanzen, die für den Aufbau des Sets ausgegraben worden waren, zwischengelagert und gepflegt wurden, um später wieder an Ort und Stelle zurück gepflanzt zu werden.

edorassetWir fragen uns, ob sich der (russische) Eigentümer der Farm, zu der der Mt. Sunday gehört, wohl sehr ärgert, dass ihm nicht das gleiche Glück wie Russel Alexander widerfahren ist, der aus dem Hobbiton-Movie-Set einen lukrativen Nebenerwerb (vermutlich sogar eher Haupterwerb…) gemacht hat. Hier deutet gar nichts auf die Bedeutsamkeit des Ortes für Mittelerdefans hin, allein ein verbogenes Schild fast am Ende einer gut 25km langen „gravel road“, also einer staubigen Schotterpiste, weist den Weg. Obwohl nur etwa 150 km von Christchurch entfernt, hatten wir für die Anfahrt fast 3 Stunden gebraucht, denn allein das letzte Stück ist eine mühsame Stein- und Schlaglöcher-Ausweicherei und eine extrem staubige Angelegenheit. Aber es lohnt sich, denn der Blick auf die Berge, das Taldelta und den Mt. Sunday ist atemberaubend. Die Lodge liegt in goldenes Abendlicht getaucht, wir trinken auf der Terrasse einen Wein, derweil die Kinder ein paar Billardkugeln schieben. Gekocht wird im Sonnenuntergang in der Außenküche – die pure Idylle!

Allerdings wird es in der Nacht empfindlich kalt, obwohl wir nur auf etwa 450 Meter über der Meeresspiegel sind, kommt uns die Umgebung ziemlich alpin vor. In der Nacht können wir frierend den wohl klarsten Sternenhimmel bewundern, den wir je gesehen haben – es gibt so gut wie keine Lichtverschmutzung und wir befinden uns unweit des Aoraki Mackenzie Dark Sky Reserve, dem Ort, an dem man weltweit am zweitbesten Sterne beobachten kann (klarer sind sie nur noch in der Atacama-Wüste in Chile zu bewundern).

Am nächsten Morgen brechen wir nach einem idyllischen Frühstück in der Morgensonne, die vom stahlblauen Himmel lacht, zeitig auf, um den Berg noch etwas für uns zu haben. Es sind nur wenige Wanderer unterwegs. Sie erklimmen ehrführchtig den steilen Weg, der einst zur stolzen „Goldenen Halle“ der Stadt Edoras führte. Natürlich kommt man schnell ins Gespräch, und erörtert die brennende Frage: wo genau war was? Wie war die Kameraperspektive, und wie kamen die Schauspieler hierher? Nachdem wir ausgiebig gejaust (also Picknick gemacht) und spaßeshalber ein paar Dialoge aus dem Film an Ort und Stelle nachgesprochen haben, entdecken wir unten in Tal einen Tourbus, und wenig später kommt sogar ein Helikopter angeflogen. So langsam wird es voller auf dem weitläufigen Gipfel, und wir belauschen ein wenig den Führer der einen Tour. Als ich ihn bitte, mir doch einmal ganz kurz zu zeigen, wo das Set aufgebaut war, auch wenn ich gar nicht zu seiner Tour gehöre, bekomme ich sogar gratis eine komplette Extrarunde, inkl. Standfotos aus dem Film geboten! Ich bin einmal mehr beeindruckt: wie schon bei der „Meads Wall“, von der aus die Hobbits Frodo und Sam ins finstere Land Mordor blicken, gespielt im Tongariro Nationalpark, ist auch hier wieder ganz erstaunlich, wie wenig die reale Kulisse nachbearbeitet wurde, obwohl sie im Film wirkt, als könne dieses ganze Fantasieland „Mittelerde“ unmöglich auf unserem Planeten zu finden sein.

Ist es aber, und es ist noch nicht einmal eine wilde Naturlandschaft: das uns umgebende Gebiet ist komplett Farmland, in einer Dimension, die es erfordert, dass mit Pferden und Hubschraubern gearbeitet wird. Fleischkühe und Schafe werden hier gehalten, für Milchviehwirtschaft wäre die Fläche viel zu groß. Ich komme mit einer Neuseeländerin ins Gespräch, die auf einer Farm in der Nähe aufgewachsen ist: „Wir sind zu wenig Menschen hier auf der Südinsel“, erklärt sie mir, nachdem ich ihr von der Almwirtschaft in den bairischen Alpen erzählt habe. „Hier ist Farmwirtschaft ein völlig anderes Geschäft, man bewirtschaftet schließlich riesige Flächen“. Sie lebt nun mit Mann und Kindern im wuseligen Wellington, aber sie weiß die Abgeschiedenheit und die Leere dieser Landschaft immer noch zu schätzen. Und sie wollte diese Landschaft ihren Kindern zeigen, damit sie wissen, wie anders das Leben auch aussehen kann: in einer Weite, die einen klein werden lässt, und dankbar, wenn an einem Tag wie diesem die Sonne vom blauen Himmel lacht – denn morgen schon ist wohl vorbei mit der Pracht, dicke Wolkentürme bauschen sich schon hinter den Gletschern auf. Eines ist immer sicher, und braucht nie in Frage gestellt zu werden bei einer Neuseeland-Reise: das Wetter ändert sich ständig und schnell und man muss jeden Moment genießen, der sich einem auftut. Also stelle ich mich noch einmal wie dereinst Eowyn an den Rand des Berges und blicke in die Weite – und hoffe fast ein bisschen, dass dort herannahende Reiter auftauchen werden…

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3 thoughts on “Mittelerde-Tourismus am Mt. Sunday

  1. Wie wunderschön! Wir hatten damals lange überlegt, ob wir zum Mt Sunday fahren, aber in allen Reiseführern steht, dass man nur mit den geführten Touren überhaupt hinkommt! Vielleicht lag es daran, dass ihr so allein wart? Wenn ich gewusst hätte, dass man da einfach auf eigene Faust hinfahren darf…

    Neidvolle Grüße
    Jenny

    Liked by 1 person

    1. Liebe Jenny, das nächste Mal… Vielleicht geht das auch noch gar nicht so lange? Die Farm gehört wohl einem Russen, der kaum Werbung dafür macht. Wir hatten den Tipp von Freunden, sonst wären wir auch nie auf die Idee gekommen! Aber auch ohne Übernachtung kann man einfach hinfahren – die Gravel Road zieht sich halt ganz schön, und abgesehen davon ist die Übernachtung dort wirklich ein besonderes Erlebnis 🙂 Viele liebe Grüße Alexandra

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