Posted in Die Reise, Mittelerde in Neuseeland, NZ Landscape, Uncategorized

Besuch in Hobbiton oder warum Neuseeland auch Mittelerde ist…

Hier schreibt Alexandra:

Ich möchte wissen, wie viele Menschen nur nach Neuseeland reisen, um einmal vor des Hobbits Bilbo Beutlins grüner Tür inmitten des Auenlands zu stehen. Zugegeben: ich gehöre in gewisser Weise dazu, wenn auch Neuseeland schon seit über 20 Jahren eines meiner Traumreiseziele war. Dadurch, dass Peter Jackson hier die reale Kulisse für „Mittelerde“ fand, wurde mein Fernweh nach der anderen Seite der Welt nur verstärkt und natürlich gehörte der Besuch von „Hobbiton“ zu einem meiner persönlichen Highlights (tausend Dank noch mal meinen Schwestern und Mama für die nicht billigen Tickets!).

lucy-und-mama-vor-bilbos-tur

Der Zauber liegt wohl darin, dass kein anderes Land auf so passende Weise alle Landschaften vereint, die Tolkien so ausgiebig in seinen Mittelerdebüchern beschrieben hat, wie Neuseeland – und dass auch die Kiwis gewisse Ähnlichkeiten mit den freundlichen und bescheidenen, aber durchaus abenteuerlustigen Hobbits aufweisen. Nun ja, zumindest Peter Jackson kann wohl als ein solcher durchaus durchgehen…

Als ich etwa 7 Jahre alt war, hörte ich zum ersten Mal die Geschichte von Bilbo Beutlin, “der kleine Hobbit“, der in einem Loch in der Erde lebt, das natürlich kein Loch, sondern eine behagliche Hobbithöhle ist („In a hole in the ground there lived a Hobbit“). Sie wurde mir vorgelesen, als ich auf Kinderfreizeit war, in einem zu einem Schlafsaal umfunktionierten Stall in einem Bauernhof, im Dunkeln, nur mit der Taschenlampe des Zivis, der vorlas (und später Schauspieler wurde), schwach beleuchtet. In mir erwachte eine tiefe Sehnsucht nach diesem Land „Mittelerde“, nach seinen abwechslungsreichen Landschaften und seinen Geschichten, die wir Kinder in den bewaldeten Hügeln der Bauernhofumgebung im oberbayrischen Dienhausen tagsüber nachspielten. Als Teenager las ich dann „Der Herr der Ringe“ – mehrfach, denn kaum auf der letzten Seite angekommen begann ich umgehend wieder von vorne. Ich sah mit Begeisterung die psychedelische Verfilmung von Ralf Bakshi, einem leider wenig erfolgreichen filmischen Experiment, das teils aus disneyhaften Zeichentricksequenzen, teils aus wild übermalten Spielsequenzen besteht, die Geschichte nur halb erzählt, und nie vollendet wurde. Und dann war eines Tages Anfang des neuen Jahrtausends klar, dass es einen „echten“ Film geben wird, gedreht von einem verrückten Neuseeländer, der einfach alle drei Teile der komplizierten Geschichte mit ihren ganzen Nebenhandlungen, die vor allem davon handeln, dass diverse Haupt- und Nebenfiguren in verschiedenen Landschaften unterwegs sind, auf einmal verfilmen wollte. Und das in Neuseeland. Perfekt! Ich werde nie vergessen, wie ich nach der Premiere des ersten Teils das Kino verließ, und keine Worte fand, die meiner Begeisterung hätten Ausdruck verleihen können: Diese Landschaften! Diese Szenerie! Diese Ausstattung! Meine Neuseeland-Sehnsucht war von Neuem geweckt – und nun also war ich hier, in Hobbiton.

the-shireDer Weg dorthin gestaltete sich erst einmal etwas kompliziert, denn wenngleich sicher eine der meistbesuchten Touri-Hot-Spots Neuseelands, gibt es so gut wie keine Beschilderung zu der Farm unweit dem unspektakulären Ort Matamata inmitten grüner Hügel. Wir fragten in der “iSite” (Touristeninformation) nach und wurden mit einer nur halb aussagekräftigen Wegbeschreibung ausgestattet, und mit dem Hinweis, uns für unsere gebuchte Tour zu beeilen, da es bis zum „Shire’s Rest“ noch etwa 20 Minuten zu fahren seien. Die Landschaft war schon ziemlich auenlandmäßig: grüne Hügel, Schafe, weiter Himmel. Das Shire’s Rest stellte sich als gemütliches Café mit erstaunlich kleinem Shop und sehr schöner Aussicht heraus. Zum Glück schafften wir es gerade rechtzeitig, um in unseren Tourbus zu springen.

Denn das eigentliche Auenland, bzw. das „Shire“ ist nicht ohne Tour zu erreichen, es liegt zwischen den Hügeln so versteckt, dass es von außen nicht zu sehen ist. Das war auch einer der Gründe, warum Peter Jackson just diesen Ort als Location für Hobbiton (oder auf Deutsch Hobbingen) auserkor, denn man konnte 360 Grad rundum drehen, ohne ein Zeichen von menschlicher Zivilisation vor die Linse zu bekommen. Im Bus wurden wir mit einer Videobotschaft von Peter Jackson begrüßt, und auch von Russel Alexander, dem Eigentümer der Alexander Farm, auf der das Auenland liegt. Ein ebenso findiger Kiwi wie Peter Jackson offensichtlich, denn er hatte die Idee zu den Touren, die ihm neben der Schaf- und Angusrinder-Zucht einen lukrativen Zusatzerwerb einbringen. Vermutlich mittlerweile sogar etwas mehr…

Und dann spielte das Auenland-Thema los während der Bus um eine Kurve bog, und den Blick freigab auf die perfekteste Idylle, die man sich vorstellen kann (auch wenn ich natürlich weiß, dass „perfekt“ eigentlich nicht gesteigert werden kann). Und ich muss gestehen: es kullerten Tränen!

hobbithole

Ich glaube, die Sehnsucht, die so viele Menschen hierher treibt, besteht darin, dass die Geschichten von Tolkien zwar von Kriegen und Schlachten und Irrungen und Wirrungen handeln, und die Filme entsprechend brutal sind, gleichzeitig aber eben diese Idylle portraitieren, die es mehr als alles zu bewahren gilt. Oder wie ein Kritiker einmal sagte: „Der Botschaft der Filme liegt die zutiefst menschliche Sehnsucht nach einem guten Frühstück zugrunde“. Dass es ein gutes Frühstück im Auenland geben muss, liegt auf der Hand: die Hobbits sind große Gärtner und schätzen alles, was wächst. So ist auch das Hobbiton Movie-Set so gestaltet, dass es wie eine Selbstversorger-Hippi-Kommune wirkt: Gemüsegärten (natürlich ist das Gemüse auf den liebevoll dekorierten Gartentischen teilweise aus Plastik) soweit das Auge reicht, grünes wogendes Gras auf sanften Hügeln und dazwischen liebevoll bemalte Haustüren, Briefkästen und Sitzgruppen, zu denen sicher absolut liebenswerte Bewohnern gehören, die nur eben mal kurz Bier holen sind. Als aus dem blauen Himmel ein plötzlicher Regenschauer herunterbricht, holt Alice, unser Guide-Girl, mal schnell ein paar Regenschirme aus einem der Hobbit-Holes. Denn natürlich ist alles Kulisse, hinter den Türen befindet sich außer einem kleinen staubigen Zwischenraum nichts. Alice erzählt, dass eine der häufigsten (Scherz-)Fragen, die ihr gestellt werden die Frage danach ist, ob man hier wohnen könne. Kann man nicht, aber ein Bier gibt es im „echten“ Wirtshaus „Green Dragon“, das sogar im Ticketpreis schon inbegriffen ist. Und so kommt es, dass wir uns, obwohl alles ja eigentlich Tourismus pur ist, dennoch wohl und willkommen fühlen. Vielleicht auch etwas, das den Zauber des Neuseeland-Tourismus ausmacht? Diese Unaufdringlichkeit, mit der ein Kleinod wie das Hobbiton-Set präsentiert wird?

Etwas Ähnliches erleben wir einige Tage später, als wir im schönen Wellingtoner Stadtteil Miramar in der Weta-Cave, der kreativen Design-Schmiede, die für die komplette Ausstattung von „Mittelerde“ und vielen anderen Filmen wie z.B. „Avatar“, „Tim und Struppi“ und anderen Blockbustern zuständig war und ist. Unser Tourguide ist Jack, der bei den „Rings“ aus Kunststoffringen Kettenhemden zusammenstrickte und eigentlich Digital Design studiert. Aus seinen Augen leuchtet die Begeisterung für seinen Beruf, der bei ihm sicher eine Berufung ist – wie wohl bei allen, die hier arbeiten, und von denen wir sogar einem über die Schulter schauen dürfen. Er zeigt und erklärt uns, wie die Miniaturbauer, die Designer und die Schmiede hier arbeiten, und warnt uns vor: für die Tour ist eigentlich eine Dreiviertelstunde anberaumt, aber meist dauert es länger… Und tatsächlich: gut eine Stunde später treten wir wieder vor die Tür, nicht ohne vorher noch mit Jack ein paar Witze über Amerikaner und „Aussis“ gemacht zu, und ihm versprochen haben, nur noch Filme aus Neusseland anzusehen, oder zumindest mit Kiwi-Beteiligung.

mordor-und-ereborBis auf diese zwei Mittelerde-Hotspots, die nicht ganz billig sind, wird aus den sonstigen Mittelerde-Locations kein direkter Profit geschlagen: Sie sind einfach da, und man muss wissen, wo was gedreht wurde, denn es gibt so gut wie keine Beschilderung. Wir haben uns im Vorfeld einen speziellen Reiseführer gekauft, sowie von Freunden (Dank an Jana!) einen Straßenatlas mit kleinen Kamerazeichen bekommen, so dass wir z.B. die „Mead’s-Wall“ im Tongariro Nationalpark finden. Ein absolut spektakulärer Drehort für die Gegend im Herrn der Ringe, von der aus die Hobbits Frodo und Sam in das finstere Land Mordor und zum Schicksalsberg Mount Doom blicken, dargestellt vom tatsächlich aktiven Mt. Ngauruhoe. Was im Film so wirkt, als könne es nur gemalt sein, ist eine echte und reale Landschaft. Rauh und wild, mit Wasserfällen und eben direkter Aussicht auf einen rauchenden Vulkan. Wir finden den Ort an der Flanke des Ruapehu nur, weil ein ausgetretener Fußweg hinter dem Sessellift vorbeiführt. Als wir am Abend den entsprechenden Teil des Herrn der Ringe („Die zwei Türme“) einmal mehr ansehen, staunen wir, wie gekonnt die Landschaft tatsächlich in den Film eingebaut ist, und wie wenig daran digital verändert wurde.

Ich glaube, Menschen mögen die Mittelerde-Geschichten des phantasiebegabten Sprachwissenschaftsprofessors J.R.R. Tolkien so sehr, weil es darin um das Unterwegs sein geht, aber eben auch um das Nachhausekommen, um das Geborgensein in einer bestimmten Landschaft, die einen beherbergt und versorgt, die einem eben eine echte Heimat ist, die man aber erst richtig zu schätzen weiß, wenn man unterwegs war. So sagt der weise Zauberer Gandalf zu Bilbo, der eigentlich keine Abenteuer mag, dann aber doch loszieht, um über sich sebst hinauszuwachsen:

Du betrittst die Straße und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, kann man nicht wissen, wohin sie dich tragen.

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5 thoughts on “Besuch in Hobbiton oder warum Neuseeland auch Mittelerde ist…

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