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Crazy Christmas – Wenn die Vorweihnachtszeit in den Sommer fällt

Hier schreibt Alexandra:

Am 2. Advent findet in unserer oberbayrischen Dorfidyllenheimt jedes Jahr ein “altbairischer Christkindlmarkt” statt, einer der ältesten Bayerns. Zwischen bemalten Bauernhäusern sind urige Stände aus Holzlatten aufgebaut, geschmückt mit Daxen und allerlei Weihnachtsschmuck. Die Vereine verkaufen Glühwein, deftige Schmankerl und viel schönes Selbstgebasteltes. In einem Bauerngarten dürfen Kinder der Grundschule eine lebende Krippe nachstellen, auch unsere Tochter flatterte mit weißem Tüll über dem Schneeanzug als Engerl schon zwischen echten Schafen und Eseln ums Feuer vor der Krippe… Kurzum, ein absolutes Highlight der Vorweihnachtszeit, zumal die Berge rundherum in der Regel schon weiß verschneit sind, und ab und zu ist die Dorfstraße sogar mit knirschendem Schnee bedeckt, was dann das i-Tüpfelchen der Weihnachts-Romantik ist…

Ein wenig wehmütig denke ich daran, als hier in Nelson just am 2. Advent die “Santa Parade” stattfindet, die quasi das absolute Gegenprogramm dazu darstellt: Quitschbunte Clowns verteilen Bonbons und – immerhin – Mandarinen, allerlei 70er Jahre-Karossen knattern durch die Straße, die Stoßstangen dick mit Platikgirlanden umwickelt, und zum Schluss kommt Santa himself auf einem Schlitten, der samt unechten Rentieren auf einen Lkw montiert ist. Das Ganze wird auch “Christmas-Carneval” genannt, was es gut trifft: die Veranstaltung erinnert eher an einen Faschingsumzug.

 

Die Zusammenkunft mit Santa unter einem Sonnensegel im Trafalgar-Park danach bei sommerlichen Temperaturen – jedes Kind, das sich zu Santa auf’s Sofa setzt, nachdem es sich in der langen Warteschlange angestellt hat, bekommt von einem leicht bekleideten Weihnachtswichtel einen Becher Eiscreme – hat auch nicht wirklich etwas mit einem Christkindlmarkt, wie ich ihn kenne zu tun. Warum auch? “Let it snow” singen bei 25 Grad? “I’m dreaming of a white christmas” wenn man aufpassen muss, keinen Sonnenbrand zu bekommen? Das erscheint dann doch irgendwie zu absurd, so dass die Schülerband klassischen Big Band Jazz zum Besten gibt – welcome to New Zealand, wo Weihnachten aus geografischen Gründen nun mal im Sommer stattfindet!

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Warten auf die Begegnung mit Santa – und den wohlverdienten Eisbecher…

Ich sollte mich also frei machen von meinem alpenländisch-verklärten Winterwonderland-Blick auf die Vorweihnachtszeit. Und mal ganz ehrlich: “authentisch” ist weder das eine, noch das andere – bzw. authentisch ist natürlich beides für die jeweilige Kultur. Denn wie Weihnachten “wirklich” war, hat sicher mit beidem wenig gemein. Abgesehen davon, dass die Bibel keinerlei Anhaltspunkte auf das tatsächliche Datum von Christi Geburt liefert (der 25.12. kristallisierte sich erst im Laufe des 4. Jahrhundert heraus), ist es in Bethlehem selbst um den Jahreswechsel herum tagsüber meist um die 15 – 20 Grad warm, die Nächte sind so gut wie immer frostfrei und Schnee gibt es eigentlich nie.

Also noch mal von vorn: wir verbringen die Vorweihnachtszeit im beginnenden Sommer, die Leute freuen sich auf die bevorstehenden Sommerferien und sehen Weihnachten eher als einen (lästigen) Teil davon. Zwar merkt man auch hier, dass irgendwie Geschenke besorgt werden müssen, im Großen und Ganzen aber gestalten sich die diversen Konsumaufforderungen vergleichsweise dezent. Im TV gibt es vor allem Werbung der Supermärkte, die ihre Sonderangebote für die besten Zutaten für das Christmas-BBQ anpreisen.

Auch wir beschließen, den Hl. Abend mit einem BBQ am Strand zu verbringen, und ganz kiwi-like auf der Coromandel-Halbinsel auf der Nordinsel zu zelten. Irgendwie erscheint uns das als Kontrastprogramm am besten, um gar nicht erst wehmütig zu werden. Aber warum überhaupt wehmütig werden? War nicht einer der Gründe für unsere Auszeit einmal dem Weihnachtsrummel zu entfliehen? Einmal den nächtelange Verpackungsorgien und Dekoschlachten (ich mache seit rund 20 Jahren jedes Jahr einen selbstgebastelten Adventskalender aus 24 Päckchen – und ich war es wirklich leid!) zu entkommen? Auszuprobieren, wie sich Weihnachten ohne die ganzen “Zutaten” anfühlt, von denen man meint, sie gehörten unabdingbar zu “Weihnachten” dazu?

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Weihnachtsdeko der anderen Art in Havelock

Die Kiwis, die wir kennen gelernt haben, gestehen uns meistens, dass sie etwas neidisch auf unser Weihnachten im Winter wären, wenn das Gespräch darauf kommt. WENN es denn darauf kommt, denn irgendwie haben wir den Eindruck, dass das “Fest der Feste” hier einfach keine so große Rolle spielt – lustige Weihnachtsdeko und künstliche Christbäume im Baumarkt hin oder her. Hin und wieder begegenen uns Menschen mit Nikolausmützen, z.B. beim Picknick im Park, ansonsten fällt die Vorweihnachtszeit kaum auf, was sicher auch daran liegt, dass es einfach zu spät dunkel wird für dekorative Beleuchtung.

 

Die Santa Parade für eine Stadt der Größe Nelsons eigentlich recht spärlich besucht, und auch in den Geschäften scheint es kaum Menschen zu geben, die unter vorweihnachtlichem Kaufrausch leiden – das mag allerdings auch daran liegen, dass sowieso kaum jemand so fleißig wie die Deutschen das vorweihnachtliche Konsumdiktat umsetzt. Nirgends Gedränge oder gar Schlangen an den Kassen – und das bei einem Einzugsgebiet von immerhin rund 100.000 Einwohnern. Das einzige, das sich merklich bevölkert, ist der Strand, wo wir natürlich nach der Parade noch zum Baden gehen…

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Neuseeländische Aukarie

Ich bin schon sehr gespannt, wie es uns dann am Strand ergehen wird, ohne Nordmanntanne, dafür mit Pohutukawas, den sogenannten neuseeländischen Weihnachtsbäumen, die im Dezember rot blühen, und den wunderschönen neuseeländischen Aurakarien, die in ihrer Krone praktischerweise einen natürlichen Stern haben. Wir werden berichten und verfolgen solange die Weihnachts-Berichte anderer Neuseelandreisender, die es jeden Adventsonntag bei den Weltwunderern zu lesen gibt.

Und immer wieder frage ich mich: was bedeutet eigentlich “weihnachtlich”? Zumal wenn man nicht besonders religiös ist? Vielleicht ist “Weihnachten” nur eine Art Drehbuch für eine Theaterinszenierung, die im Privaten stattfindet, und die ruhig auch mal ausfallen kann? Entgegen aller Befürchtungen fühle ich mich tatsächlich erstaunlich frei und unbeschwert ohne Advent und Vorweihnachtszeit. Einzig ein Adventskalender war den Kindern wichtig. Diesen Wunsch haben wir ihnen auch gerne erfüllt.

Aber den Mini-Adventskranz in der Dose, den wir vorsorglich mitgenommen hatten, finden wir sowieso nicht mehr, und es vermisst ihn auch niemand so richtig…

 

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