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Das Erdbeben

Hier schreiben Alexandra und Christoph:

Wir waren (ganz unfreiwillig) dabei! In der Nacht vom 13. auf den 14. November, bei dem fünftstärksten Erdbeben in Neuseeland seit Messbeginn Mitte des 19. Jahrhunderts, mit 7.5 Messpunkten auf der Richterskala. Nur 130 km von uns entfernt. Begleitet von Katastrophenberichten, die auch die deutschen Nachrichten erreichten. Und danach noch eine Sturmnacht, die es in sich hatte. Das Meer lebendig wie selten.

Wie es für uns war?

(Sehr) beängstigend, beeindruckend, glimpflich, … wir hatten Glück und wurden zwar buchstäblich aus unseren Betten geworfen – aber es ist nicht einmal ein Glas zu Bruch gegangen, so dass wir eigentlich nicht wirklich mitreden können. So wie Menschen im schönen Wal-Tourismus-Küstenort Kaikoura, deren Bewohner nun erstmal vom Rest der Welt abgeschnitten sind. Die einzige Straße, die dorthin führt, ist an vielen Stellen zerstört oder verschüttet. Es gab leider auch zwei Menschenopfer, die der Gewalt des Bebens nicht entkommen konnten. Nach Kaikoura sind Versorgungs-Hubschrauber geflogen, und heute legt dort ein großes Schiff an, um Toiletten und Wasser zu bringen, und die gestrandeten Touristen aufzusammeln.

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Der Sturm nach dem Erdbeben hat jede Menge neues Treibholz an unseren Strand gespült.

Hier in Nelson nimmt man das Ganze eher gelassen und pragmatisch. Natürlich ist es ein großes Gesprächsthema, aber Katastrophenstimmung? Nein, kann man nicht wirklich sagen. So wie auch schon in der Nacht selbst, als das Beben gar nicht mehr aufhören wollte, der Strom und das Internet ausfielen, und wir in doch etwas aufsteigender Panik erst versuchten, die Kinder in Sicherheit zu bringen, dann aber, weil wir nicht so richtig wußten wie, doch zu den Nachbarn gingen, um nach Rat zu fragen, was außer unter den Tisch setzen noch zu tun sei. Erst einmal ein Cuppa Tea trinken und abwarten! Nie waren wir uns der Tragweite dieses Bonmots mehr bewußt als hier bei unseren Kiwi-Nachbarn, die kurzerhand den “Barbie”, den BBQ-Grill, zum Kocher umfunktionierten, um Teewasser heiß zu machen. Für uns und all die anderen Nachbarn, die das Kerzenlicht gesehen hatten und auch herüber gekommen waren. Zum Tea gab es Cookies aus einer gigantischen Tupperdose (australische Tim Tams – 3-fach Keksberge mit Schokoladenüberzug, die augenblicklich die Nerven beruhigten…).

 

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Flache Holzbungalows verhalten sich bei Erdbeben wie ein Schiff auf hoher See…

Für Kiwis sind Erdbeben nichts Ungewöhnliches, sie bauen ihre Häuser entsprechend und wachsen damit auf, dass es jederzeit auch zu einem größeren Beben kommen kann. Eine Nachbarin meinte, ihre Kinder wären jetzt sicher neidisch auf unsere, denn von klein auf ist hier das richtige Verhalten bei Erdbeben Bestandteil der Kindergarten- und Schul-Lehrpläne. Aber dass man dieses Wissen einmal so einsetzen muss, wie in der Nacht von Sonntag auf Montag, erleben zum Glück die wenigsten Kiwi-Kinder – allein die Bedrohung gehört quasi zum Alltag, denn Neuseeland liegt direkt auf dem pazifischen “Ring of Fire“, einem unterseeischen Vulkanring, der von den Aleuten einmal rund um den Pazifik bis Neuseeland reicht und für fast 90% aller Erdbeben weltweit verantworlich ist – es sind etwa 15.000 im Jahr, die meisten davon zum Glück nur von den Seismographen registriert.

Das Beben, das wir miterlebten, entstand in einer Tiefe von ca. 15 km, und genauer gesagt waren es zwei Beben, die zu mehreren hundert (!) weiteren Beben im Laufe der nächsten 24 Stunden führten (und auch jetzt, Dienstag mittag bebt es immer wieder leicht): beide waren verursacht durch Reibungen der tektonischen Platten in unterschiedlichen Richtungen, was ungewöhnlich ist, und für die vielen Nachbeben sorgte. Auch ein Tsunami wurde ausgelöst, zum Glück nicht in der Tasman Bay, an der Nelson liegt, sondern an der Ostküste (ohne größere Schäden zu verursachen). Im Falle des Falles wäre auch bei uns die Tsunami-Sirene losgegangen und wir hätten in höhere Lagen weg vom Strand fahren müssen. Daher hatten wir Autoschlüssel, Ausweise und wichtige Papiere nach dem ersten heftigen Beben griffbereit vorbereitet und uns gegen drei Uhr in der Nacht komplett angezogen ins Bett zu den nur schwer zum Schlaf zu bewegenden Kindern gekuschelt. Gruselig!

Aber nach und nach kamen wir zu der Theorie, dass unsere Furcht nicht zuletzt durch die vielen Katastrophenfilme geschürt worden war, in denen immer gleich komplette Häuser in Erdspalten verschwinden, Blitze zucken, die Mutter die Kindern hinter sich herzerrend eine Art Hindernisslauf absolvieren muss, derweil der Vater todesmutig die Katze aus den herunterfallenden Trümmern birgt…

Nein, so war es nicht. Es gab mehrere, zum Teil starke Nachbeben, die immer wieder das Haus schaukeln ließen. Daß ein erdbebensicheres Haus schaukeln muss, wissen wir jetzt –  dennoch: so richtig beruhigt dieses Wissen nicht. Und selbst für die, die es schlimm erwischt hat, war es sicher nicht so wie im Film. Für sie beginnt das Schlimme erst jetzt: aufräumen, alles wieder in Gang setzen, Reparaturen organisieren und finanzieren – das ist das eigentlich Aufwändige an derlei Naturkatastrophen. Und davon sind wir zum Glück verschont geblieben, so dass wir  – nach einem schulfreien Tag mit kaum Strom – zum Alltag zurückkehren konnten.

Übrig bleibt ein Stückweit Demut: du merkst, dass Du ein ganz kleiner Winzling bis auf dieser Welt: ob es Dich gibt oder nicht, ist einer Erdplatte völlig wurscht.

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Wir sind Besucher auf einer Welt, die uns bei allen Gefahren doch sehr gut beheimatet!
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8 thoughts on “Das Erdbeben

  1. Ihr Lieben….
    Auch uns hier hat die Nachricht des grossen Bebens erreicht! Neuseeland zwar weit weg, aber im Wissen um Euer Dortsein , habe ich mich sofort mit München in Verbindung gesetzt. Glück im Unglück ….👍

    Aber diese Erfahrung wird Euch ein Lebenlang bleiben!
    Gruss aus dem winterlichen Zürich…. Bleibt heiter , geniesst Kiwi Land….herzlichst Lilo💝😘👍

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  2. Schön zu hören, dass es euch gut geht. Wir haben das Beben in Christchurch erlebt und waren sehr erschrocken. Wir sind eigentlich ganz schön Katastrophen erprobt (2 x Hochwasser, Hausbrand und Sturm). Aber das ist nochmal eine andere Hausnummer. Wir wünschen euch unbekannterweise noch viel Freude im Land der langen weißen Wolke.

    Viele Grüße von Birger und Ines

    > Gesendet: Dienstag, 15. November 2016 um 02:25 Uhr

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    1. Hallo Ines und Birger,
      nach 3 Tagen scheinen nun auch die Nachbeben aufzuhören. Gut, dass es so ist.
      Gestern saßen wir auf der Terrasse und sahen pötzlich, wie sich die Holzbalken nach vorn bewegten und wieder zurück, einige Centimeter. Da ist man erstmal verblüfft…
      Danke für Eure guten Wünsche und Euch eine schöne Zeit! Christoph

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  3. Hallo Ihr Lieben, ich bin zutiefst beeindruckt über Euren Bericht und zugegebener Maßen auch ein wenig sprachlos (was bei mir selten der Fall ist). Man fragt sich natürlich, wie man selbst reagiert hätte, insbesondere wie voll die eigenen Hosen gewesen wären. So wird dieses unerwartete Abenteuer ein Teil Eures Neuseeland-Abenteuers sein und bleiben. Eine Insel, voller Natur, voller Wunder und eben auch voller Naturereignissen. Es ist alles gut gegangen – und es wird weiter alles gut gehen. Ich wünsche Euch jetzt erst einmal ganz viel Frühling und weiterhin aufregende (ein bisschen weniger als bisher) Familienurlaubstage in diesem wunderschönen Land. Ich will da eigentlich auch mal hin……? Liebe Grüße aus einem sehr ungemütlichen aber Erdbeben freien Langstadt. Günther

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    1. Lieber Günther, ja, da ist es im schönen, beschaulichen Langstadt schon ein wenig entspannter. Wengleich ja das letzte große Erdbeben in Deutschland gleich bei Euch ums Eck war. Allerdings war das Beben hier etwa 5mal stärker…. Und man muss sich ja mit Phantasien ablenken…ich stell mir grad vor, Du bist im 5. Satz beim Tischtennis und beim Entscheidungspunkt rutscht die Platte wegen Erdbebens 20 cm vor und Dein Topspin geht deswegen nicht vorbei, sondern noch an die Tischkante… also immer positiv denken…
      Derweil freue ich mich über Eure sportlichen Erfolge, die Aufstiegsfeiern werden im Frühjahr kein Ende nehmen.Herzlich Grüße an alle Christoph

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  4. Wir hatten gerade von Bad Homburg aus unseren nächsten Trip nach NZ geplant. Von christchurch nach Kaikoura und weiter blenheim nach Picton. Und dann dieses Erdbeben. Wir werden trotzdem kommen. NZ ist trotz allem eins der schönsten Ecken der Welt.

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    1. Ja,unbedingt herkommen! Die Kiwis sind ja auch sehr einfallsreiche Leute, und werden sicher dafür sorgen, dass die Strecke bald wieder passierbar ist, bzw. Umleitungen einrichten – oder ihr plant eure Route um und fahrt via Arthur’s Pass an der Westküste entlang, was landschaftlich auch sehr reizvoll ist. Dann kommt ihr auch über Nelson, und könntet z.B. einen Abstecher in den Abel-Tasman-NP machen, was für uns sowieso die schönste Ecke ist 🙂

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